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[LIAM] Auf der Suche nach Herausforderungen - Probereiten

in Leonie 12.01.2020 22:13
von Leonie • 146 Beiträge | 236 Punkte

Schneegetupfte Baumkronen rauschten vorbei, ihre Last munter glitzernd und so märchenhaft. Liam zückte den Ärmel seines Pullovers über die Hand und wischte über das Fenster auf der Beifahrerseite, um besser hinaussehen zu können. Die Feuchtigkeit im Auto hatte sich am Glas niedergeschlagen und blockierte die freie Sicht zur Seite. Seine Wischaktion brachte ihm einen tadelnden Blick seiner Fahrerin ein, die es langsam müde wurde, ihm zu erklären, dass man so nur Streifen auf die Fenster macht und bald dann wirklich putzen müsste – doch sie sagte nichts. Ungewöhnlich, dass Ariadna so nachsichtig mit ihm war, so lax sie manchmal selbst handelte, ihr Auto war immer in einem top Zustand und perfekt gepflegt. Aber vermutlich hatte sie ein Nachsehen mit ihm, weil sie wusste, wie aufgeregt er war. So verwickelte seine Stallnachbarin ihn auch nicht in ein Gespräch sondern schwieg und ließ Liam seinen Gedanken nachhängen.
Der Dunkelhaarige wandte seinen Blick wieder nach draußen und grübelte. Irgendwo hier, hinter einem dieser schneebedeckten Hügel, könnte sich sein nächster Schützling verstecken. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Er wusste das nicht, aber konnte es kaum erwarten herauszufinden. Sie hatten sich heute Morgen auf den Weg gemacht, um ein zweites Pferd für Liam zu finden. Anraí entwickelte sich toll und war immer noch ungeschlagen seine Nummer Eins, die er auch niemals gehen lassen würde, doch er selbst wollte dem jungen Pferd auch eine Stütze sein und musste daher wieder in den Sattel für die größeren Prüfungen kommen, bevor Anraí mit ihm nachrücken konnte. Er war nun achtjährig und relativ vielseitig ausgebildet, sodass er ihm nicht einen erneuten Sprung in eine höhere Klasse in diesem Jahr zumuten wollte. Lange Abende hatte Liam mit seinen Stallkollegen im Stübchen verbracht und gegrübelt, wie er das schaffen könnte, mehr Erfahrungen zu sammeln und schließlich hatte eine Idee überwogen: eine Pacht. Es sollte doch irgendwo ein Pferd zu finden sein, das erfahrener war und vielleicht einen neuen Reiter auf Zeit gebrauchen könnte. Und auf genau dieser Suche befanden sie sich nun und es kribbelte Liam schon ordentlich in der Magengegend bei dem Gedanken daran, dass er vielleicht heute ein zweites Pferd finden könnte. Vielleicht…
„LIAM!“, Ariadnas nachdrücklicher Ruf seines Namens riss den Reiter aus seinen Gedanken. Er schrak hoch und blickte zur Fahrerseite.
„Was?“, blinzelte er verwirrt und überrumpelt.
„Ich hab dich gerade dreimal gefragt, ob ich da vorn abbiegen muss. Könntest du bitte nachsehen, bevor ich gleich den kompletten Zug wenden muss?“, erwiderte die Dunkelhaarige mit einem leichten Schmunzeln, das ihre Lippen umspielte.
„Äh, ja, klar. Moment“, Liam begann in seinen Unterlagen zu kramen. „Nach äh … Dörenwald geht’s da rechts, ja. Und dann nochmal rechts und wir sollten es nicht verfehlen können.“
Mit diesen Worten stieg das Kribbeln im Bauch ins Unermessliche. Liam seufzte aufgeregt, als er das Schild entdeckte, das sie tatsächlich auf das Gestüt lotste. Vor ein paar Tagen hatte er eine Antwort auf seine Suche bekommen und ihm waren zwei Pferde von Dörenwald vorgeschlagen worden. Er konnte es kaum erwarten, die beiden Wallache zu treffen und zu schauen, ob sie vielleicht was für ihn als Partner wären. So richtig wusste er nicht, was er suchte – aber im Sattel des richtigen Pferdes macht es meist einfach Klick. Darauf hoffte er heute und mit dieser Hoffnung rollten sie nun langsam auf das Gelände des Hofes.

„Du musst Liam sein! Ich bin Lukas, wir hatten telefoniert. Ich bin der aktuelle Trainer von Fabolous“, Lukas reichte erst Liam und dann Ariadna die Hand. „Das hier ist meine Kollegin Katrin Hoover, sie trainiert Gentleman, den zweiten in deiner Auswahl heute. Wollen wir?“
Liam, kaum in der Lage irgendein Gespräch ordentlich zu führen vor lauter Nervosität, nickte nur eifrig und blickte sich um. Die Anlage war beeindruckend und er war mehr als gespannt zu sehen, welche Pferde hier auf ihn warten könnten. So folgte er Katrin und Lukas stumm in einen der Stallbereiche und merkte, wie Ari beruhigend seinen Arm drückte. „Wird schon“, mimte sie und nickte ihm bekräftigend zu.
„Also, der Fuchs hier ist Fabolous und er ist ein … nennen wir es, kreativer Frechdachs. Mit ihm wird’s nicht langweilig, so viel sei gesagt“, beschrieb Lukas unterbrochen von einem leisen Lachen.
„Damit kann er umgehen, er hat ziemlich genau sowas schon im Stall stehen“, übernahm Ari lachend und spielte auf Anraí und seine Clown-Einlagen an, für die er über die Stallgrenzen hinaus bekannt war.
„Sehr gut, Fabolous ist nämlich tatsächlich ziemlich einfallsreich. Aber mal zu den Eckdaten. Er ist 8 Jahre alt und bis M** geritten, vorgestellt und platziert. Er hat ziemlich viel Spaß an der Arbeit und kommt mit ordentlicher Sprunggewalt, aber das testest du am besten selbst“, lud Lukas ein und löste das Halfter, mit dem der bereits fertiggesattelte Fuchs am Putzplatz ruhig verweilt hatte.
„Wenn du magst, setz ich mich erst drauf und du kannst ihn dir in der Halle anschauen, bevor du selbst in den Sattel steigst“, bot sein Trainer ihm an und erntete ein zustimmendes Nicken von Liam.
„Ich verspreche euch übrigens, dass er durchaus reden kann, aber Liam hier ist ziemlich aufgeregt“, lachte Ari über seine so ungewöhnlich schweigsame Art.
„Das kennt man, Pferdesuche ist nun mal immer sehr spannend“, stimmte auch Katrin in das Lachen ein und schob ihn bekräftigend in die Richtung der Halle. „Aber sobald man im Sattel sitzt ist alles wie immer.“

Sie sollte Recht behalten. Die Aufregung hielt Liam noch fest im Griff, solange er Lukas dabei zusah, wie er den Wallach in der Halle locker arbeitete und für seinen potentiellen neuen Reiter aufwärmte. Liam mochte was er sah, einen motivierten Fuchs, der aufmerksam bei der Sache war, doch genauso wusste er, dass es sich einfach richtig anfühlen musste, sobald er selbst in dem Sattel des Fuchses saß. So lauschte er also der Unterhaltung, die Ariadna und Katrin führten, und beobachtete schweigend wie sich der Fuchs bewegte. Sie hatten in der Halle ein paar Sprünge aufgebaut, die etwa L-Niveau hatten und man sah, dass der Wallach sich zuhause fühlte im Parcours. Innerlich dankbar, dass Ariadna das Gespräch für ihn führte, ließ Liam keine Bewegung unbeachtet, bis Lukas ihn schließlich in die Bahn winkte.
„Na, Lust selbst zu testen?“, fragte er lächelnd und schwang sich aus dem Sattel von Fabolous.
„Auf jeden Fall!“, erwiderte Liam nun und das Kribbeln im Bauch vervielfachte sich noch einmal.
„Hört hört, er kann reden!“, stichelte Lukas und half ihm, die Steigbügel auf eine passende Länge einzustellen, während Liam sich den Helm auf den Kopf setzte.
„Hallo Fabolous, wir zwei, was meinst du?“, murmelte Liam als er die Zügel von Lukas übernahm und sich dem Wallach näherte, der ihn neugierig beäugte, aber still stand. Liam schwang sich leichtfüßig in den Sattel und ließ sich langsam in die richtige Position gleiten.
„Länge ok?“, fragte Lukas noch und verließ auf Liams Nicken hin dann die Bahn, um von der Bande aus eine bessere Sicht auf das Reiter-Pferd-Paar zu haben.
Liam sortierte die Zügel und seinen Sitz, bevor er den hübschen Fuchs durch die Bahn schreiten ließ. Der Wallach bewegte sich mit Leichtigkeit und ging forsch voran, was Liam an Pferden schätzte, schließlich wollte er nicht um jeden Schritt nach vorn diskutieren müssen. Er bewegte sich mit seinem Pferd und bemerkte, wie schnell die Nervosität verflog, sobald er in seinem gewohnten Element war. Auch im Trab machte es viel Spaß den Wallach zu reiten, sodass sie bald auch in Figuren und Zirkeln den Galopp antesteten. Fabolous schien ziemlich genau zu wissen, was ihn erwartete und zog immer mal in die Richtung der Hindernisse, doch Liam nahm sich Zeit, sich an die Art des Wallachs zu gewöhnen.
Als Lukas schließlich wieder in die Bahn trat und einen Sprung leicht anders auflegte, als zuvor, fühlte Liam sich bereit, mit Fabolous auch fliegen zu lernen. Er nickte dem Trainer seines Pferdes zu und lenkte den Fuchs noch auf einen Zirkel, bevor er den Sprung anritt. Lukas hatte nicht übertrieben, als er von der Sprunggewalt Fabolous‘ geschwärmt hatte, segelte er doch problemlos über den Sprung. Liam brauchte ein paar Durchläufe um sich an die andere Sprungart zu gewöhnen als die, die er von Anraí kannte – doch anders war ja nicht gleich schlecht. Sein Selbstbewusstsein wuchs mit jeder Runde und so wurde auch die Zusammenarbeit mit Fabolous immer leichter, auch wenn er durchaus zwischendurch mal seine spielerische Seite zeigte.
Schließlich ritt Liam einen dampfenden Fuchs trocken und grübelte, ob er der richtige Partner für ihn sei. Irgendwie hatte er Sorge, dass nun direkt ein „Urteil“ von ihm erwartet wurde, doch Fabolous war das erste Pferd von fünfen, die er probieren wollte und so konnte er noch gar nicht viel sagen.
„Du musst noch nichts beschließen, weißt du“, erriet Lukas offenbar seine Gedanken. „Katrin kommt gleich mit Gentleman und macht ihn dir warm, wenn du möchtest. Dann kannst du noch ein wenig über Fabolous grübeln.“
Das nahm Liam gern an und beobachtete so, wie Katrin mit ihrem Schützling, dem Dunkelbraunen Gentleman, das Training aufnahm, während er selbst noch im Sattel von Fabolous seine Schrittrunden drehte. Seine Aufregung hatte sich in Vorfreude gewandelt, während er seine Runden im Sattel des Fuchses gedreht hatte und so beobachtete er nun gespannt, wie anders sich Gentleman bewegte. Während er schließlich Fabolous wieder an Lukas übergab, erklärte der ihm die Grunddaten zu dem Braunen.
„Gentleman ist 14, westfälisch gebrannt und siegreich bis S**“, listete Lukas die Details auf. „Ist vor kurzem seine ersten S*** gegangen und stellt sich ganz gut an, aber solange er deine Aufmerksamkeit hat, wird er auch mit M* keine Probleme haben, denke ich.“
Liam nickte und grübelte. Ein S**-siegreiches Pferd nochmal drei Klassen tiefer schicken? Uff, da war er sich noch nicht so ganz sicher. Aber er wollte es ausprobieren und so fand er sich wenig später im Sattel des Dunkelbraunen wieder, der forsch zur Arbeit schreiten wollte. Liam kam nicht umhin zu bemerken, wie unterschiedlich die beiden Wallache zu reiten waren, doch war nicht in der Lage zu entscheiden, ob nun eine der beiden Varianten sich richtiger anfühlte. Gentleman war tatsächlich glücklich, solange seine Aufmerksamkeit bei ihm blieb und nicht durch die Halle zu dem Fuchs schweifte, sodass Liam bald auch die ersten Sprünge mit ihm wagte.
„Ich leg dir das mal höher, du bist doch selbst schon M** gesprungen, oder?“, schallte es von Katrin durch die Halle, während sie den Sprung in der Hallenmitte höher legte. Da war es plötzlich wieder, dieses Kribbeln in der Magengrube, wenn es an Sprünge geht, die höher sind als der Verstand gern hätte. Doch Liam hatte absolutes Vertrauen in der Können des Wallachs unter ihm und so segelten sie bald auch über eine Höhe, die wohl eher aus S* Niveau anzusiedeln war. Gentleman machte alles mit Anstand und Aufmerksamkeit mit, sodass Liam tatsächlich glaubte, dass er mit ihm auch nochmal die Klassen M* und M** bevölkern konnte, bevor er selbst soweit war, weiter aufzusteigen.
„Von unserer Seite aus gibt es keine Bedenken und wir könnten uns beide bei dir gut vorstellen, wobei ich Gentleman ein bisschen passender zu dir fand“, kommentierte Lukas schließlich die beiden Runden, während sie wieder auf dem Weg zum Auto waren. „Ich vermute, du hast noch ein paar Pferde mehr, die du dir anschauen magst?“
„Ja, Rising Sun Stables, Sportpferde Henrich und Elwen haben noch was, das ich testen darf“, bestätigte Liam, nun ohne Schmetterlinge im Bauch und mit der Fähigkeit selbstständig zu antworten.
„Dann lass dir ruhig Zeit und sag Bescheid, sobald du weißt, ob es einer von unseren beiden werden könnte“, lächelte Lukas ihm entgegen und reichte ihm die Hand. „Bis dahin wünsche ich viel Spaß beim Testen, Katrin lässt auch grüßen, aber sie musste schon los. Gute Fahrt!“
Und so rollten sie wenig später gemeinsam vom Hof mit dem Ziel, noch mehr Pferde anzuschauen.

Liam spürte, wie die Wärme langsam von seinem Kaffeebecher in seine Hände wanderte und bewegte seinen Griff etwas, um die Hitze zu verteilen.
„Warum müssen wir eigentlich im tiefsten Winter los?“, murmelte er und blickte auf die Straße vor ihnen, die von einer leichten Schneeschicht bezuckert war und ihre Fahrt ein wenig verlangsamte.
„Ich weiß nicht“, erwiderte Ari sarkastisch. „Vielleicht weil jemand von heute auf morgen entschieden hat, dass er keinen Tag länger mehr warten kann?“
„Mhmh“, machte Liam. „Schuldig.“ Er nahm den Kaffeebecher und setzte ihn an die Lippen, nahm einen beherzten Schluck und seufzte.
„Erzähl mal, was erwartet und als nächstes?“, fragte Ari mit einem prüfenden Blick zu ihm, gewiss kalkulierend ob sie ihn so ablenken konnte.
„Ähm, Reitstall Elwen. Ein Schimmel-Hengst, Westfale, ziemlich groß und 13 Jahre alt“, ratterte er schließlich runter ohne auch nur einen Blick in die Unterlagen geworfen zu haben.
„Du hast das alles so oft gelesen, dass du es auswendig weißt, oder?“, lachte Ari. „Und hast dir eben nur alles erzählen lassen, damit du nicht unhöflich bist?“
Liam zuckte ertappt mit den Schultern, ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen. „Ist halt nichts Alltägliches für mich, mal eben Pferdeshoppen zu gehen. Anraí ist ja mehr in mein Leben gehüpft, als dass ich nach ihm gesucht hätte.“
„Das sind meist die besten Pferde“, schloss Ari und sprach aus Erfahrungen.

„Na, dann komm mal in die Bahn“, lud Joey Scherr ein, der Liam seinen Schimmel-Schützling vorstellte. „Deimos hat am Anfang ein bisschen den Sprung durch die Klassen verpasst, weil er etwas mehr Zeit braucht, als seine Altersgenossen. Mittlerweile zeigt er sich aber sehr eifrig im Training und nimmt das auch mit in den Wettkampf, das könnte also was für dich sein.“
Liam betrachtete den Schimmel, der durch seinen zarten Bau deutlich kleiner wirkte, als er eigentlich war. Er näherte sich ihm und stellte sich dem Hengst vor, der sich bisher noch nicht mit solcher Manier gezeigt hatte, die seinen Hengstkameraden immer nachgesagt wird. Daher hatte Liam das auch nicht von vornherein ausgeschlossen, obwohl er eigentlich vorwiegend nach Stuten und Wallachen gesucht hatte. Er strich sanft über die ihm entgegen gereckte Nase des Schimmels und begann schon zu überlegen, ob diese beiden zusammen vielleicht ein gutes Team werden könnten. Schließlich machte er sich bereit für seinen Proberitt und schwang sich in den Sattel des Westfalen.
Unter Joeys Anleitung ritt er den Wallach erst ausgiebig warm, bevor er begann ein wenig auszutesten, wie sein aktueller Stand war. Dass er Arbeitseifer zeigte war definitiv nicht übertrieben, auch wenn Liam schon einige Pferde auf heimischem Boden so gesehen und im Parcours auf fremdem Gelände dann völlig anders erlebt hatte. Er genoss die unerwartete Reitstunde auf einem Hengst, der definitiv noch Potential mitbrachte und sich auch in den schweren Klassen schon hatte platzieren wie den Sieg sichern können.
So richtig festmachen konnte Liam es nicht, warum er dennoch nicht so richtig warm mit dem Hengst wurde – manchmal waren es einfach viele Kleinigkeiten und unter anderem der Zweifel, ob er den Schwung für den Schimmel mit aus dem Training in den Wettkampf nehmen konnte. Also genoss Liam den Ritt, bedankte sich anschließend bei Joey und half noch den Hengst zu versorgen.
„Deimos ist ein tolles Pferd, keine Frage …“, begann Liam schließlich.
„Aber nicht deins?“, forschte Joey mit einem milden Lächeln.
„Nein, leider nicht meins“, entwich es Liam mit einem leisen Lachen.
„Manchmal wissen wir nicht ganz, was wir suchen, bis wir es gefunden haben“, erwiderte Joey verständnisvoll und verabschiedete Liam und Ari schließlich herzlich.

„Das war nix“, entfuhr es Liam als er sich auf den Beifahrersitz fallen ließ und sie das letzte Ziel des Tages ansteuerten.
„Das hat man gesehen“, pflichtete Ari ihm bei und erntete einen überraschten Seitenblick ihres guten Freundes. „Ja, hat man. Wunder dich nicht, aber es gab irgendwie ein kurioses Bild mit euch. Obwohl er größer war als seine beiden Vorgänger wirkt er so viel kleiner und du bist ja nicht gerade kurz geraten. Gab einfach nicht wirklich ein Bild.“
Beruhigt nickte Liam und fand sich bestätigt darin, was er beim Ritt gefühlt hatte. Ein tolles Pferd – ein tolles Pferd, für einen anderen Reiter.

„So, dann haben wir heute noch einen Kandidaten und dann geht’s erst einmal was essen und schlafen“, Ari streckte sich als sie das Auto verließ und die Jacke überzog. Sie unterdrückte ein Gähnen, das nicht von Langeweile, sondern von einem langen Tag mit viel Fahrerei kam. Aufmunternd schob sie Liam in die Richtung des Stalles, wo sie von Simon Henrich erwartet wurden.
„Hi, schön euch kennenzulernen“, nahm der der Trainer des dritten Kandidaten die beiden herzlich in Empfang und wurde ebenso freudig begrüßt.
„Danke für Chance, herkommen zu dürfen“, erwiderte Liam und ergriff die ihm ausgestreckte Hand. Hufgeklapper riss seine Konzentration aber schnell von den Zweibeinern weg und er lugte hinter den Reiter, welches Pferd da gerade seinem Unmut kundtat.
„Ja, da stellt er sich gerade selbst schon vor: Hoffnungsträger“, ging Simon direkt zum Tagesgeschäft über und lachte kurz. „Und ja, der heißt wirklich so.“
Liam schmunzelte und trat an den schicken Dunkelbraunen heran, der sehr ausdrucksstarke Augen hatte. „Hallo du Schöner.“
Er nahm sich die Zeit, sich ein wenig mit seinem potentiell neuen Schützling bekannt zu machen und wurde dabei auch weder von Simon noch von Ari gehetzt. Das schätzte Liam unheimlich und genoss es, ein wenig Zeit mit dem Wallach verbringen zu können, bevor er unter dem Sattel genauso unter die Lupe genommen würde. Schließlich verbrachte man die meiste Zeit im Alltag miteinander ja nicht unbedingt im Sattel des Pferdes und auch da musste es irgendwie passen.
Schließlich machte sich das Trio mit dem Schwarzbraunen im Gepäck auf den Weg zur Reithalle, die sie zum Glück und der späten Stunde geschuldet für sich hatten. Es dauerte nicht lange, bis Liam sich im Sattel des Wallachs wiederfand und sich zu seiner Überraschung sehr wohl fühlte. Der Dunkle bewegte sich flüssig unter ihm mit und offensichtlicher Motivation zu Arbeiten, was Liam freute und ihn mit Vorfreude auf die Einheit füllte. Er nahm sich Zeit, den Wallach ordentlich warm zu reiten und ging schließlich dazu über, ihn in den drei Gangarten zu arbeiten.
„Du grinst die ganze Zeit, Liam“, bemerkte Ari zwischendurch und lachte, erfreut wie überrascht.
„Erwischt! Der Bub macht Spaß“, gab Liam zu und lenkte den Wallach zu seinen beiden Zuschauern.
„Na, dann wollen wir euch mal fliegen sehen“, meinte Simon und machte sich auf den Weg, ein paar Hindernisse aufzustellen, die schon vorbereitet waren.

Wenig später ritt Liam Hoffnungsträger auf den Sprung zu und wurde ordentlich in den Sattel gepresst, als er anzog. Das kannte er zwar von Anraí, der gerade in den letzten zwei Galoppsprüngen vor dem Absprung seine ganze Kraft zusammenzog und vorher gern entspannt kanterte, doch das hier war eine andere Liga. Wie aus Reflex versuchte er, den Wallach beim nächsten Versuch ein wenig zurückzunehmen – und merkte schnell, dass das ein Fehler war und Hoffnungsträger sich ziemlich fest machte. Er versuchte es immer mal wieder mit verschiedenen Ansätzen und sah sich meist wieder mit einem relativen festen Pferd konfrontiert, das die Sprünge eben so nehmen wollte, wie er das wollte. Schließlich parierte er den Wallach nochmal in Bandennähe durch und sah zu seinen beiden Beobachtern. Er rieb sich über das Gesicht und suchte nach den richtigen Worten.
„Ehrlich gesagt,“, begann Liam. „Ist der Bub eine Handvoll.“
Simon lachte und nickte. „Er ist nicht einfach. Wir haben unsere guten und schlechteren Tage, das kann ich nachvollziehen.“
„Ich hab das Gefühl, ich müsste neu reiten lernen“, gab Liam kleinlaut zu und wurde von Simon beschwichtigt.
„Hoffnungsträger hat eine ziemlich eigene Art an den Sprung zu gehen. Der kann springen ohne Ende, aber man muss ihn anziehen lassen auch wenn einem fast schwarz vor Augen wird. Dass er das meistert, zeigen seine Schleifen und Siege, aber ab und an stirbt man tausend Tode während eines Ritts.“
„Das … eh, kann ich so bestätigen“, lachte Liam, der lange nicht mehr solche Höhen gesprungen war, wie er mit dem Schwarzbraunen heute bewältigt hatte. „Ich wäre fast wieder religiös geworden.“
„Ist er noch im Rennen?“, erkundigte sich Simon schließlich sanft während Liam Hoffnungsträger ruhige Bahnen durch die Halle lenkte, um den Wallach nach dem Training herunterkommen zu lassen.
Liam zögerte kurz. „Erstaunlicherweise ja. Ich mag Herausforderungen und manchmal muss man mich ins kalte Wasser schmeißen. Aber ich würde mir gern noch die letzte Option anschauen und mich dann melden, wenn das okay ist.“
„Klar, lass dir Zeit. Sowas will – auch wenn es nur auf Zeit ist – ja gut überlegt sein“, pflichtete Simon ihm bei.

Fasziniert sah Liam dabei zu, wie Ariadna die heiße Suppe vor ihr geradezu inhalierte. Er schüttelte leicht den Kopf und grinste. „Du hattest WIRKLICH Hunger, oder?“
Ari pausierte nicht mal, um Antwort zu geben, sondern nickte zwischen den nächsten zwei Löffeln einfach nur.
„Ich sollte das demnächst ernster nehmen, wenn du sagt, du hast Hunger. Du fällst ja fast vom Fleisch!“, lachte Liam und wandte sich seiner eigenen Suppe zu. Es folgten noch ein Hauptgang und ein sehr üppiges Dessert, bevor die Wärme zurück in die beiden kroch und der Hunger endlich Ruhe gab.
Schließlich lehnte Ariadna sich zufrieden zurück und nippte an ihrem Weinglas. „Okay, jetzt bin ich bereit Pferde zu diskutieren.“
Liam lachte herzlich. „Aye, Chefin. Schön, dass wir dich besänftigt haben.“
„Dann leg mal los. Was hältst du von den ersten beiden?“, forschte sie, sichtlich neugierig.
„Fabolous war irgendwie cool, aber da fehlte mir ein bisschen … ein bisschen der Funke der überspringt“, Liam überlegte. „Gentleman hingegen fand ich super, aber ich glaub der ist viel viel viel weiter als ich…“
„Und du willst ihn nicht ausbremsen?“, schloss Ari, forschend zu ihm blickend.
„Genau“, erwiderte Liam. „Ich möchte auch kein Pferd, dem langweilig mit dem wird, was er dann mit mir tun muss. Es wird nun mal erst in die M* gehen und Gentleman, hui, der kann viel viel mehr.“
„Deimos war nicht deins … was ist mit Hoffnungsträger?“, fragte Ari und grinste.
„Du hast dir den Wortwitz mit Hoffnung in Hoffnungsträger setzen gerade arg verkniffen, oder?“, vermutete Liam grinsend.
„Schooon“, gab Ari lachend zu und erntete einen Lacher ihres Gegenübers.
„Respekt, es gab Zeiten, da hättest du den nicht liegen lassen. Wir kommen „seriös“ immer näher“, stichelte Liam und ging dann wieder zum eigentlichen Thema über. „Hoffnungsträger ist eine Herausforderung. Der ist alles andere als einfach zu reiten und ich bin mir noch unsicher, ob ich da richtig Lust drauf habe oder ob wir beide damit total frustriert enden und ich mit Anraí dann wieder Springreiterprüfungen starten will.“
Ari lachte sanft und drückte die Hand Liams. „Erstens, lasse ich das nicht zu sondern schick dir Adrian und Rudi auf den Hals. Und zweitens glaube ich, dass du das schaffen könntest – aber ich bin bei dir, wenn es sich nicht komplett richtig angefühlt hat, dann lass es. Was schauen wir uns morgen noch an?“
„Eine Stute, Rappstute und sehr schön auf den Fotos, nicht ganz einfach im Charakter und gerade die ersten S*-Prüfungen gestartet und platziert“, rezitierte Liam aus dem Gedächtnis.
„Eine Stute? Du?“, entfuhr es Ari erstaunt.
Liam zuckte schmunzelnd mit den Schultern. „Es soll immer ein erstes Mal geben, vielleicht haut sie mich ja um.“
„Solange es nicht mit den Hinterhufen ist …“
„Wer von uns beiden ist nun der Stutenhasser, he?“

Liam schlief die Nacht über sehr unruhig und ging immer wieder die Ritte mit den so unterschiedlichen Pferden gedanklich durch. Er wusste einfach nicht so richtig, was er wollte. Mit Gentleman könnte er sicherlich relativ schnell in die höheren Klassen gehen – aber lernte er selbst dabei viel? Mit Hoffnungsträger hingegen sah er sich noch sehr, sehr lange trainieren, bevor man überhaupt an den ersten Start denken konnte – und das lag definitiv nicht an dem Wallach. Grübelnd lag er dann wach und überlegte, womit er sich besser stellen könnte.
Als Ariadna des Morgens an seine Hotelzimmertür klopfte, war Liam längt angezogen und abreisefertig. Dösend hatte er im Sessel am Fenster gesessen und schrag nun hoch, um seiner Partnerin in Crime die Tür zu öffnen.
„Oh, ich sehe du hast wundervoll geschlafen!“, entfuhr es Ari und sie beäugte die tiefen Augenringe unter Liams sonst so strahlend grünen Augen. „Also fahre ich heute wieder und du schläfst im Auto noch ein wenig.“
Aris Tatendrang brachte auch wieder ein wenig mehr Leben in Liam und so schlüpfte er in seine Winterjacke, schlüpfte in die Reitstiefel, die er noch blitzblank geputzt hatte – was man eben so tut, wenn man früh morgens wach ist und in einem Hotelzimmer liegt – und griff sich das wenige Gepäck mit der Karte für die Zimmertür. „Na gut, auf geht’s!“

„Sie heißt eigentlich Night Elf, aber wir nennen sie hier alle Elfi. Geht ein bisschen leichter von der Zunge“, erläuterte die junge Frau, hinter der Liam und Ari nun her in den Stalltrakt gingen. Katniss Storm war die Trainerin seines letzten Kandidaten … seiner letzten Kandidatin! Liam hatte sich noch nicht ganz an den Gedanken gewöhnt, ein Stutenreiter zu werden, wenn er ehrlich war. Er hatte immer die Wallache, ja gar die Hengste, bevorzugt, weil Stuten einfach oft ein bisschen schwierig waren. Ari, die genau das wusste – und das Gefühl oft teilte, stichelte grinsend.
„Ist sie eine typische Stute?“, fragte sie mit einer hochgezogenen Augenbraue, als sie die Stallgasse entlang liefen, an deren Ende die Stute fertig gesattelt auf sie wartete.
„Nein“, begann Katniss, überlegte kurz und korrigierte sich dann. „Naja, manchmal.“
Das entlockte Ari ein herzliches Lachen und sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Ich glaub, wir sind die größten Verfechter von Wallachen als Reitpferde. Entschuldige, ich stichle nur.“
„Sie mag weder Hufschmied noch Tierarzt und kann nicht damit umgehen, wenn vom Reiter Druck ausgeht. Solange man das vermeidet, hat man mit ihr ein echt tolles Pferd an der Seite und vor allem unter dem Sattel“, führte Katniss milde lächelnd aus. Man merkte ihr an, dass sie das Pferd sehr schätzte und das wiederum beruhigte Ari. Liam nahm das gar nicht wahr, hatte er doch längst die schwarze Schönheit entdeckt und steuerte direkt auf sie zu.
„Schön ist sie ja“, gab Ari zu und sah lächelnd zu Katniss, während die beiden warteten, dass Liam sich mit der Stute bekannt machte.

„Okay, gestern dachte ich, du wärst sehr glücklich auf Hoffnungsträger, bis du ihn gesprungen bist“, begann Ari, während sie an der Bande lehnte und dabei zusah, wie Liam die lackschwarze Stute durch die Bahn lenkte. „Also bin ich mal verhalten hoffnungsvoll – hihi, ups – bis du die Dame gesprungen bist. Aber bisher grinst du breiter als gestern. Bei einer Stute.“ Sie rollte gespielt theatralisch mit den Augen und verfiel in ein Lachen.
Liam musste grinsen und fühlte sich ein wenig ertappt, bewegte sich die schwarze Schönheit doch so flüssig und voller Motivation, dass man einfach Spaß haben musste. Von einer zickigen Stute war hier nicht viel zu sehen und das wohl auch gerade dank der Mahnung, dass man sie eben mit den sanften Samthandschuhen anpackt und man dann ein wundervolles Reitpferd vorfindet. Gerade machten sie eine kleine Schrittpause, während Ari und Katniss sich nun daran machten, ein paar Sprünge aufzustellen.
„Wenn es dir nichts ausmacht“, Liam sah zu Katniss. „Wäre ich sehr dankbar, wenn du deine Meinung zu den Sprüngen sagst und mir vielleicht Tipps gibst, was ich besser oder anders machen kann. Du kennst Elfi ja deutlich besser als ich. “
„Klar, kein Problem“, Katniss schien sich darüber zu freuen und blieb in der Mitte der Bahn stehen, um sich die Sprünge der beiden anzusehen.
Die Stute bewegte sich auch auf dem Weg zum Sprung so flüssig und angenehm wie vorher beim Flatwork-Training, sodass Liam nicht umhin kam, sich direkt mit ihr wohlzufühlen. Ihr Absprung war kraftvoll und es war ersichtlich, dass die aktuellen Höhen sie nicht mal ansatzweise forderten – gleichermaßen hatte Liam aber auch nicht so großen Respekt davor, mit ihr höher zu gehen, als es zum Beispiel mit der forschen Art von Hoffnungsträger der Fall gewesen war.
„Das ist jetzt M**-Höhe“, kommentierte Katniss irgendwann und Liam war überrascht, dass es sich mit Elfi so anfühlte, als würde er gerade mit Anraí seine gewohnte L-Höhe starten. Die Stute machte, dass es sich unfassbar leicht anfühlte und gleichzeitig gab es absolut keine Bedenken, sie könne den Sprung nicht schaffen. Selbst als Liam zweimal einen falschen Anritt wählte, rettete die Rappstute den Absprung mit viel Wucht und segelte dennoch problemlos über den Sprung.
„Sie rettet viel, aber du merkst in der Regel, wenn du was falsch gemacht hast obwohl sie dir hilft“, erklärte Katniss nickte dabei.
„Ja, ich merk das. Sie hat wirklich eine Wucht, gerade wo ich sie eben zu nah heran geritten habe“, staunte Liam und tätschelte den Hals der Stute.

„Ich hab dich bei keinem der Pferde so freudig reiten sehen, wie bei ihr“, kommentierte Ari leise, während Liam und sie sich hinter Katniss und Elfi ein wenig zurückfallen ließen. „Und das trotz einer Stute!“
Liam lachte. Aris Stutenabneigung kam von einem besonders charakterstarken Exemplar, die sie mit Vorliebe gebissen hatte und war mehr gespielt, als alles andere. „Ja, die Hübsche macht Spaß. Und sie ist noch nicht ganz so weit wie die anderen. Aber hat definitiv Luft nach oben. Hm, und sie rettet mich.“
„Das … hat sie, ja. Eindrucksvoll bewiesen“, grinste Ari. „Ich glaub, du wirst zum Stutenreiter.“
Liam zuckte mit den Schultern und grübelte, während sie hinter Katniss und der Rappstute in den Stalltrakt zurückkehrten. Schließlich wandte sich Katniss zu den beiden um und lächelte.
„Also, wenn die anderen Pferde nicht tausendmal besser waren, wüsste ich es ja nicht besser und würde vermuten, dass du demnächst eine Rappstute unter dem Sattel haben wirst“, lockte sie schmunzelnd.
Liam zögerte kurz, atmete tief durch und grinste dann. „Wo muss ich unterschreiben?“


zuletzt bearbeitet 12.01.2020 22:15 | nach oben springen

#2

RE: [LIAM] Auf der Suche nach Herausforderungen - Probereiten

in Leonie 12.01.2020 23:35
von Mimi • 22 Beiträge | 31 Punkte

Hoffnungsträger auf den Punkte, würde ich sagen :D
Viel Spaß mit Night Elf und es war wie immer schön geschrieben <3

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