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6 - Teamplayer (Reitstunde)

in Past 22.03.2017 12:12
von biaggi • 26 Beiträge | 32 Punkte

TEAMPLAYER

(Reitstunde)


Oh ha! Vor Erstaunen schaute ich noch einmal auf meine Armbanduhr. Jaja – der obligatorische Blick auf die Uhr kommt irgendwie in jedem meiner Erzählungen über den Alltag mit Walley vor. Doch heute war alles anders. Keine schnellen Schritte, kein hektisches Gewinke, weil mal wieder ein Senior im Auto vor mir den Unterschied zwischen 50 Km/h und Schritttempo nicht verstand und vor Allem auch kein fürchterliches nach Luft geringe, als ich an der Box meines Pferdes angekommen war. Nein, heute hatte ich mir meine Zeit mal gut eingeteilt.


Leises Vogelgezwitscher und ein paar sanfte Sonnenstrahlen weckten mich. Kein nerviges „äht äht“ von meiner Hass-Liebe, dem Wecker. Warum auch? Schließlich war ja Samstag und ich hatte frei!
„Guten Morgen“, säuselte mir eine wohlbekannte Stimme ruhig ins Ohr und mit ihr kam ein Duft von warmen Kakao ins Zimmer. Gleich darauf wurde ich von mehreren Küssen überhäuft. „Hey, womit verdiene ich das denn?“, fragte ich in Elias‘ Richtung, der nun seinerseits überrascht drein blickte. „Ich weiß nicht… vermutlich weil ich dich liebe?!“ Dieser Sarkasmus zum frühen Morgen. „Los jetzt, endlich raus aus den Federn! Ich war heute schon fleißig.“ Und schon war mein Freund zur Schlafzimmertür hinaus verschwunden. Der Duft, welcher durch die geschlossene Tür zog, war wirklich unwiderstehlich, sodass ich mich zum Aufstehen nicht zweimal bitten ließ. Schnell machte ich mich im Badezimmer fertig und schlüpfte in meine Stallklamotten.
„Was ist denn heute geplant?“, fragte mich mein Freund, als wir mit dem Frühstück begonnen hatten. „Nun, ich habe dann später noch eine Reitstunde mit Walley, zur Überprüfung und Verbesserung. Was heute Abend aber noch so geht, kein Plan. Aber vielleicht kannst du die Anderen zu irgendetwas mit ins Boot holen?“ Wir unter uns Freunden hatten schon lang nichts mehr gemeinsam gemacht und es wurde mal wieder Zeit für ein paar schöne Stunden. „Das klingt gut! Ich wollte sowieso noch das Auto waschen. Das kann ich ja dann machen, wenn du weg bist.“ Ich nickte, um meine Einverständnis zu bekunden.
Zusammen beendeten wir unser üppiges Frühstück, welches aus leckeren Brötchen, Rührei und einem Pfannkuchen zum Abschluss bestanden hatte. „Ich mach dann mal los!“, rief ich freudestrahlend zu Elias, gab ihm einen Abschiedskuss und war dann auch schon zur Haustür hinaus entschwunden.
Ich freute mich ja immer noch wie am ersten Tag, jedes Mal wenn ich den mir inzwischen sehr bekannten Weg zum Reitverein Eichenau zurücklegte. Walley war wirklich mein Ein und Alles – neben Elias natürlich. Wir ergänzten uns mittlerweile prächtig und waren doch, entgegen manch böser Zungen, zu einem guten Team zusammengewachsen. Auch einige Turniere waren wir gegangen und absolvierten diese zu meiner Zufriedenheit mit Bravour. Zwar war nie eine goldene Schleife in der letzten Zeit dabei, aber Erfahrung hatten wir allemal gesammelt und einige schöne Platzierungen bei durchaus namenhaften Veranstaltern und bekannter Konkurrenz sprangen dabei heraus.
Auch Walley schien die ganze Prozedur Spaß zu machen- Er war ja schon immer ein Turnierpferd, dem auch die größte Veranstaltung nichts ausmachte. Und solange ich beruflich am Wochenende nicht eingespannt war und ebenfalls an den Turnieren dieser Welt Freude hatte – warum nicht? Sicher ist es ein wenig verschrien, als angemeldete Freizeitreiterin so oft zu starten, aber wer mich kennte, weiß, dass ich auf die Meinung anderer nichts gebe, zumindest wenn diese unberechtigt ist.
Gut, genug ausgeschweift – konzentrieren wir uns lieber auf das Wesentliche. Walley und die bevorstehende Reitstunde bei Lisa! Wir mussten uns ja leider eine neue Reitlehrerin suchen, da Anna den Hof vor einiger Zeit verlassen hatte, aber ich denke, Lisa wird ihre Sache genauso gut machen wie Anna.



Als ich auf dem Hof ankam, wartete bereits großer Trubel auf mich. Vier Personen um einen Hänger herum. Zwei davon erkannte ich als Ari und Jana und einer der Männer musste wohl Ari’s Trainer sein. Sie alle versuchten, ein dunkles Pferd heil aus dem Anhänger zu bekommen. Ich begrüßte die Meute und fragte knapp, wer das denn sei. „Das ist Zlatan, mein anderes Pferd, was noch bei den Winters stand. Jetzt konnte ich ihn endlich her holen“, strahlte mich eine überglückliche Ariadna an. „Soll ich noch irgendetwas helfen?“, bot ich dem Grüppchen meine Hilfe an, doch Ari winkte dankend ab. „Ich denke, wir bekommen den schon beruhigt.“ „Alles klar, ich mach dann mal weiter. Bis später!“ Mit diesen Worten verabschiedete ich mich vorläufig und setzte dann meinen Weg in Richtung Paddockstall fort.

Beim Ankommen stellte ich jedoch fest, dass mich keine einzige Pferdenase anschaute. Mit einem prüfenden Blick in Walley’s Box kam es mir in den Sinn, dass die Pferde mit Sicherheit auf der Weide sein mussten. Also schnappte ich mir das neue Halfter von Walley und machte mich auf den Weg zur Koppel. Ich hatte nämlich vor ungefähr einer Woche von Jana einen Shopgutschein für ein halbes Jahr Mitgliedschaft im Reitverein geschenkt bekommen und hatte mich dann gleich mal mit neuen Sachen eingedeckt – vor allem zu Walley Freude, denn die Hälfte der Sachen waren natürlich für ihn.
Vorher stellte ich aber schon alles, was ich an Putz- und Sattelzeug brauchte, am Putzplatz bereit. Für einige scheint das sehr leichtsinnig zu sein, doch ich war mir sicher, dass wir keinen Langfinger hier auf dem Hof hatten.

An der Weide angekommen, erkannte ich die Herde am anderen Ende. Natürlich – wie immer am weitesten weg. Jedoch probierte ich es erst einmal mit dem Rufen von Walley Namen und tatsächlich! Die ganze Gruppe setzte sich in Bewegung und als sie näher kamen, erkannte ich dann auch Walley zwischen all den verschiedenen Pferden. Mit einem Schnauben kam er sofort zu mir und heimste sich erst mal ein Leckerli ein, was ich ihm auf flacher Hand hinhielt. Geduldig und mit einer kleinen Streicheleinheit ließ er sich auch das neue Halfter aufziehen. Ich hakte den Strick ein und führte meinen Schwarzen von der Wiese. Nachdem ich nochmal kontrolliert hatte, ob ich auch das Weidetor richtig verschlossen hatte, wir wollten ja keine Unfälle auf Eichenau, machte ich mich wieder auf den Weg in Richtung Zentrum des Hofes, wo auch die Putzplätze zu finden waren.
Dort band ich Walley an und schickte mich an, meinen Wallach als erstes zu putzen. Doch halt! Wo war denn der Gummistrigel? Ich hatte mir eigentlich geschworen, ihn das letzte Mal auf jeden Fall im Putzkasten verstaut zu haben. Ich schaute um mich und tatsächlich entdeckte ich einen Langfinger! „Hey“, schimpfte ich und ging zu ihm. Mit typischem Unschuldsblick schaute mich der kleine Felix an, den Strigel im Maul habend. „Was soll das denn?“, schmunzelte ich. Niemand konnte dem Frechdachs wohl böse sein. Ich griff zur Bürste, die der Hund auch freiwillig fallen ließ und dann sofort mit einem freudigen Bellen und schwanzwedelnd davonstob.
Mit einem von Bissspuren überhäuften und angesabberten Strigel kehrte ich also lachend zu meinem Pferd zurück und fing nun wirklich an, zu putzen. Zum Glück hatte sich Walley, welcher schon ins Dösen verfallen war, nicht allzu schmutzig gemacht und so war ich relativ schnell mit Überputzen und Hufe auskratzen fertig. Mit geübten Griffen legte ich ihm außerdem seine neue Springschabracke auf, darüber dann den Sattel und zum Schluss verschnallte ich noch die Trense. Nach einigen Minuten stand also ein wirklich prächtiges Reitpferd vor mir, mit welchem ich getrost die Springstunde antreten konnte. Nachdem ich mein Zeug weggeräumt hatte und auch den Putzplatz nochmal gefegt hatte, machte ich mich auf den Weg zur Reithalle. Ich zupfte etwas am Zügel, damit Walley aus seiner Trance aufwachen konnte. Mit einem Brummeln folgte er mir. „Was willst du von mir, Mami? Es war doch gerade so schön in der Sonne!“ So wären sicher seine Worte gewesen, wenn er hätte reden können. Stellt euch vor, unsere Pferde könnten mit uns sprechen! Da wäre das Ganze sicher noch dreimal lustiger als so schon.

Den kurzen Weg vom vorderen Hof zur Reithalle hatte ich schnell mit Walley im Schlepptau zurückgelegt. Natürlich durfte auch eine kleine Streicheleinheit für Armani, den anderen Hofhund hier auf Eichenau, nicht fehlen. Er lag des Öfteren am Wegesrand und sonnte sich dann meistens.

Am Eingang der Halle angekommen fragte ich in den Raum „Tür frei?“. Als Antwort bekam ich ein freundliches „Frei!“. Also betrat ich, mit meinem Pferd an der Hand, den frischen Sand der großen Reithalle und entdeckte sofort schon einige aufgebaute Sprünge. Von der Seite her sprach mich jemand mit heller Stimme an: „Hey Bianca, schön dich zu sehen!“ Es war Lisa, unsere neue Reitlehrerin. Auch ich begrüßte die junge Frau freundlich und fragte, was wir denn heute vorhatten. In unserem Vorgespräch hatte ich ihr schon einige Dinge erläutert. „Ich hatte gedacht, wir arbeiten an den verschiedensten Dingen. Ich habe Aufgaben zum Erhöhen der Aufmerksamkeit aber auch zum Beruhigen von stürmischen Pferden dabei. Zum Schluss können wir ja noch etwas an der Technik arbeiten, wenn ihr Lust habt.“ „Das klingt ja super!“, gab ich zurück und freute mich wirklich über solch anspruchsvolle Arbeit. In unserer Freizeit probierte ich zwar schon das ein oder andere mit Walley aus, aber meist verbrachten wir die Zeit mit alternativen Aufgaben oder Rumgeblödel zum Beispiel mit dem großen Gummi-Pferdefußball. „Jetzt könnt ihr euch erst mal aufwärmen, ich stell noch einige Stangen hin“, rief Lisa und war dann auch schon auf dem Weg zum kleinen Schuppen an der Reithalle, in dem die Hindernisse und Stangen lagerten.

Ich führte Walley zur Mitte der Halle, überprüfte noch einmal das Sattelzeug und schwang mich dann mit einem Schubs vom Boden in den Sattel. Ich machte ihn etwas aufmerksam und trieb ihn in einen gemütlichen Schritt. Für das Aufwärmen nahm ich mir immer relativ viel Zeit, denn ich wollte ja nicht, dass sich mein Pferd verletzte. Auch wenn Walley scheinbar ein paar Runden brauchte, um ganz bei mir zu sein, war er am Ende unserer Schrittphase sehr aufmerksam und spielte mit den Ohren. Ein gutes Zeichen, um anzutraben. Es war vielleicht nicht das Gemütlichste, Springpferdetrab eben, aber der Rappe konnte schon auf ein verhältnismäßig gutes Gangwerk zurückgreifen. Auch hier drehte ich mit ihm einige Runden und wechselte natürlich auch mal die Hände, bis ich merkte, dass er lockerer wurde. Während ich Walley dann auch in der dritten Gangart, dem Galopp, arbeitete, war auch Lisa mit ihrem Aufbauen fast fertig. Die bunten Stangen und Hindernisse interessierte das Pferd unter mir so gut wie gar nicht, auch wenn sie mal mit einem lauten Knallen auf dem Boden abgelegt wurden. Ein turniererfahrenes Springpferd war da ja auch schon einiges gewöhnt. Auch einige Stangen und Cavalettis nahm ich nun mit in unser Warm Up, was den Westfalen gleich auf ein anderes Level brachte. Nachdem ich Walley nun aufgewärmt hatte und er auch schon abgeschnaubt hatte, parierte ich zum Halten auf Lisas Höhe, die es sich an der Bande gemütlich gemacht hatte, durch. „Was ist unsere erste Aufgabe?“, fragte ich tätschelte meinem Pferd den Hals, denn in der ersten Phase hatte er sich gut geschlagen. „Nun, erst mal hatte ich vor, Walley Aufmerksamkeit ein wenig zu erhöhen. Dazu muss das Pferd ein wenig aufpassen und voll da sein. Aber da du ja gesagt hast, dass er viel mitarbeitet und für seinen Reiter was tut, ist diese Aufgabe nicht unlösbar. Wenn alles klappt, könnte man die Hindernisse eventuell auch höher stellen.“ Lisa zeigte auf die Gymnastikreihe, die aus vier Hindernissen bestand. „Reite du erst mal ganz normal wie immer an die Sprünge ran und versucht euer Glück mal.“

Ich tat wie gehießen und wendete Walley ab um ihn erst einmal in den Galopp zu bringen. Dann fokussierte ich den ersten Sprung und konzentrierte mich, ihn ordentlich anzureiten. Schnell war dieser übersprungen und auch der zweite und dritte klappten einigermaßen. Am vierten und letzten Sprung klapperte die Stange, fiel aber nicht in den Sand. „Bitte nochmal!“, wies Lisa an. Gleiches Spiel von vorn, ich fokussierte mich wieder auf das erste Hindernis, achtete allerdings kaum auf Walley, da ich selber ja keine Fehler machen wollte. Die Reihe, die nun folgte, war die reinste Katastrophe. Der erste Sprung klappte noch gut, beim Zweiten wurde es mit der Distanz schon enger, da das Pferd unter mir doch einiges an Tempo drauf hatte. Zwischendrin wusste ich mir nicht anders zu helfen und zog etwas an den Zügeln, doch dies hatte keine Auswirkung. Resultat des Durcheinanders waren 2 Hindernisfehler und eine erschrockene Reiterin. Ich schaute schnappatmend zu Lisa, die grinste. „Hast‘ selber gemerkt oder?“ „Ich denke schon“, nickte ich kleinlaut und hörte nun zu, was ich besser machen konnte. „Wie du ja schon sagtest, ist Walley ganz schön stürmisch. Das Ganze soll auch zur Verminderung dieses Verhaltens führen. Du hast dich von Anfang an eher auf dich konzentriert und gar nicht gemerkt, dass er von alleine schneller wurde. Dadurch, dass er hier sehr schnell reagieren muss und das ganze etwas Kopfarbeit verlangt, kann er nicht im übelsten Tempo durchbrettern. Also achte gleich von Anfang an auf das richtige Tempo und lass ihn vorm ersten Sprung etwas versammeln. Dann kann er sich besser abdrücken. Du reitest schon gerade an den Sprung ran, da brauchst du dir keinen Kopf machen. Und wenn er dir zwischen den Sprüngen zu schnell wird, versuch ihn mit Gewichtshilfen zu bremsen, nicht mit dem Zügel. Er scheint so heftige Zügelhilfen ja gar nicht gewöhnt zu sein.“ Das stimmte, ich versuchte eigentlich alles mit dem Gewicht und Schenkel zu regeln. „Das mit dem Zügel war wohl eher Affekt“, gab ich zu. „Macht ja nichts. Versuchs einfach mit meinen Tipps nochmal.“ Ich war sehr dankbar über Lisa’s Hilfe und ließ Walley wieder angaloppieren, um es noch einmal zu versuchen. Sicher meinte er es nicht böse, immerhin hörte das gegenseitige Kennenlernen zwischen uns nicht auf. Klar waren wir schon zu guten Teamplayern geworden, aber für seine Springart konnte auch das beste Pferd der Welt nichts. Das war halt die Aufgabe des Reiters, dieses kennen und auch händeln zu lernen.
Gleich von Anfang an versuchte ich, mich weniger auf meine Person sondern auf das Pferd unter mir zu konzentrieren. Ich nahm schon das Tempo von vorn herein etwas heraus und versammelte ihn vor dem ersten Sprung noch etwas. Tatsächlich, schon der erste Sprung glückte besser als zuvor. Auch nun wollte er zwischen den Sprüngen etwas schneller werden, doch Lisa rief: „Denk an die Gewichtshilfen!“ und auch ich war schon auf die Idee gekommen, saß tief ein und in Bruchteilen von Sekunden verlangsamte sich Walley etwas. Somit erwischte er auch die letzten Sprünge gut und wir blieben erstmals ohne Abwurf. Zufrieden schnaubte er nach der Reihe ab und ich strich ihm wieder als Belohnung über den Hals. „Sehr gut, siehst du. Das klappt doch! Versuch es doch noch zwei oder drei Mal, das dient der Festigung. Normalerweise müsste Walley dann auch von alleine merken, in welchem Tempo er da ran gehen kann.“ „OK!“ Voller Tatendrang, weil die Aufgabe nun das erste Mal gut geklappt hatte, brachte ich meinen Wallach wieder auf Kurs und probierte die Gymnastikreihe erneut. Wieder schaute ich mehr auf mein Pferd, das wie von Wunderhand aber nun von selber etwas ruhiger wurde. Zwar noch nicht ganz wie gewünscht und ich musste mit meinem Popo wieder etwas einwirken, aber schon deutlich weniger als zuvor. Wonder World schien sich wirklich hochgradig zu konzentrieren und schnaubte jedes Mal nach einem Durchgang zufrieden. Ich lobte ihn natürlich ausgiebig, damit er wusste, dass er alles richtig gemacht hatte. Irgendwie war das Loben auch zu meiner Beruhigung, schien es nun bergauf zu gehen.

„Gut, ich würde es dabei erst mal belassen. Ich würde nun noch eine kleine Übung zur Verbesserung der Springtechnik durchführen. Geht ihr ab und zu auch Stilspringen, oder habt ihr euch ganz auch die Zeitspringen spezialisiert?“, stellte mir Lisa eine Frage zu unserem Turnierleben. „Nein, ich nenn eigentlich quer durch die Bank weg. Ich würde sagen, dass Stil- und Zeitspringen sich gegenseitig die Waage halten.“ „Sehr gut“, kommentierte sie und führte weiter aus, „Dann ist diese Übung auch besonders gut für den Stil geeignet und wird euch bei richtiger Ausführung die ein oder anderen Pluspunkte sichern. Aber ihr wollt ja auch höher hinaus, da ist das Ganze eine gute Vorbereitung.“
Während die Reitlehrerin die Reihe nun etwas umbaute, ließ ich Walley im Schritt etwas verschnaufen. Er machte einen langen Hals und schnaubte ab und zu zufrieden, schien aber noch nicht aus der Puste zu sein. Ein gutes Zeichen für seine Kondition. Da hatte sich die eine oder andere Galoppstrecke am Berg bezahlt gemacht.
„So, nun siehst du, dass die ganzen Abstände hier etwas kürzer sind als vorher. Das bedeutet, dass dein Pferd die Beine etwas schneller anziehen muss als vorher. Muss es später bei höheren Sprüngen dann ja auch. Dennoch kommt es auch dem Muskelaufbau in der Hinterhand zu Gute.“ Ich schaute mir die Reihe vom Pferd aus an, welches nun still stand und erst mal äppelte. Am Anfang standen eine Stange sowie ein kleines Cavaletti, an welches sich dann in kurzer Entfernung ein Oxer und danach 2 Steilsprünge anschlossen. Dabei war der letzte Sprung wieder in einer etwas größeren Entfernung von circa 6 Metern aufgestellt. Schon eine ganz schöne Herausforderung, denn ich hatte mit meinem Pferd noch nie so etwas gemacht. Ich war gespannt, wie der werte Herr darauf reagieren würde.
Ich galoppierte Wonder World wieder an und machte ihn aufmerksam auf seine neue Aufgabe. Neugierig betrachtete er erneut die Stangen, ging aber fleißig und aufgeschlossen an das erste Cavaletti an. Sichtlich überrascht war er aber allerdings, wie schnell die anderen Hindernisse bei ihm waren. Das hatte auch einen Abwurf zu folge. Das letzte Hindernis übersprang er dann wieder fehlerfrei. Ich lachte etwas, als ich aus der Reihe kam und auch Lisa musste grinsen. „Ja, das ist er sicher nicht mehr gewöhnt, auch wenn er schon über größere Höhen gesprungen ist. Probier‘s einfach nochmal.“ Es war nun schon einige Zeit her, dass Wonder World einen fulminanten Aufstieg in seiner Turnierkarriere feiern konnte. Dann kamen die Verletzung, der Umzug zu mir und die Pause vom Turniertrubel. Nun hatte ich also ein reiferes Pferd, das sich vermutlich etwas besser händeln lies und vor allem noch lernfähiger war als in seiner Jugendzeit. Denn das, was er zuvor falsch gemacht hatte, konnte Walley im zweiten Anlauf super umsetzen und schaffte die Reihe nun auch fehlerfrei. Und auch beim dritten Versuch flog er ruhig, sauber und mit guter Manier über die Sprünge. Ich war alles in allem sehr zufrieden mit meinem Pferd und lobte ihn wieder ausgiebig.

„Sehr gut ihr beiden. Ich würde für heute Schluss machen, denn fünfundvierzig Minuten sind ein guter Anfang.“ Anschließend gab unsere Reitlehrerin noch eine Zusammenfassung: „Ihr habt euch heute echt gesteigert! Das, was am Anfang noch nicht so geklappt hat, habt ihr mit meiner Hilfe schnell in den Griff bekommen. Mach das ruhig auch im privaten Training so weiter und probiere gerne auch mal was Neues aus. Ich bin mir sicher, dass ihr so noch ganz weit kommen werdet. Aber ihr seid ein echt gutes Team – so wie man es sich vorstellt. Wie aus dem Bilderbuch!“, und fügte noch hinzu, „Wenn ihr noch Hilfe braucht, kommt gerne nochmal zu mir. Ich bin zwar eher im Dressurbereich geschult, aber auch im Springen hab ich ein bisschen Erfahrung und gebe das gerne weiter.“
Ich war wirklich stolz auf meinen kleinen Prinz und lobte ihn nochmal mit ein paar Streicheleinheiten. Selbstständig ritt ich Walley noch trocken, der aber wohl noch einiges an Energie übrig hatte. Lisa kümmerte sich derweil schon ums Einsammeln der Hinterlassenschaften meines Pferdes. „Ich komme dann gleich noch zu dir und helfe dir beim Abbauen“, rief ich in ihre Richtung, während ich von Walley stieg und die Zügel über seinen Hals warf. „Alles klar, danke!“

Puh, anstrengend war das ganze ja schon etwas gewesen. Ich konnte mir nicht erklären, wie Walley neben mir noch herum tänzeln konnte und es scheinbar nicht erwarten konnte, wieder auf die Weide zu seinen Spielgefährden zu kommen. Er war halt echt noch ein Jungspund, auch wenn er in der Reitstunde schon so erwachsen gewirkt hatte.

In der Stallgasse angekommen, nahm ich meinem Pferd als erstes sämtliches Sattelzeug ab und legte ihm sein Halfter wieder an. Ich putzte noch einmal grob über und legte dann eine Abschwitzdecke über, die ich durch den Shopgutschein ebenfalls neu in unserem kleinen Lädchen am Hof erworben hatte. Sie stand ihm wirklich ausgezeichnet. Das wusste scheinbar auch Walley, denn er stand da wie ein Model für den neuen Pferdemodenkatalog. Ich lachte und gab ihm eines der Leckerlies in meiner Jacke. Darüber freute er sich, wie jedes Pferd, natürlich immer besonders. „Na komm, jetzt geht’s wieder zu deinen Freunden.“ Ich zupfte etwas am Führstrick und mit klackernden Hufen folgte mir der Schwarze wieder über den kleinen Vorhof hinaus über den schmalen Weg bis zum Weidetor. „Nun denn, lass es dir schmecken.“ Mit diesen Worten verabschiedete ich mich von meinem Schatz und entließ ihn in seine Herde. Mit einem lauten Wiehern stob er davon, schaute sich am Ende aber doch noch einmal zu seiner „Mutti“ um. Ein echter Teamplayer eben!

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