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#10 | Flashpoint

in Past 25.05.2017 14:55
von Darcy • 114 Beiträge | 160 Punkte

März 2016

Das klingeln ihres Handys holte Erin ins hier und jetzt. Der Abend gestern war komisch gewesen und nun war sie dabei die letzten Spuren zu beseitigen. Evas Name erschien auf dem Display und sie nahm das Gespräch an.
„Hey Eva“
„Hallo Erin, entschuldige bitte das ich dich störe“
„Nein alles gut, was gibt es denn?“
„Kannst du herkommen, ich bräuchte deine Hilfe“
„Ja klar ich muss nur noch was erledigen und dann mache ich mich auf den weg“
„Vielen Danke Erin“
„Klein Problem, aber sag mal …“
„Ja?“
„Könnte ich auch ein paar Tage länger bleiben?“
„Ja klar, ist was passiert?“
„Ist eine lange Gesichte“
„Erzähl mir alles wenn du da bist. Pass auf dich auf“
„Ja bis später“
„Bis später“ beendete Erin das Telefonat und schloss kurz die Augen. Sie atmete ein mal tief ein und aus und drehte sich dann um. Schnell fand sie Zettel und Stift und hinterließ Jason eine kurze Nachricht. Ein paar Tage abstand tat ihr vielleicht ganz gut.
Nachdem sie einige Klamotten in ihre Reisetasche gepackt hatte, schrieb sie Jana noch schnell eine Nachricht das sie in den nächsten Tagen nicht da war. Ihre Pferde waren in guten Händen, das wusste sie und so konnte sie entspann losfahren.

Sie lenkte ihren Wagen auf die Autobahn und wählte die nächsten Nummern. Sie musste schließlich ihre Kunden informieren, dass die neuen Berittpferde noch nicht aufnehmen konnte. Die ersten sollten bereits morgen ankommen und Erin hatte derzeit auch keins mehr im Stall stehen. Den ein oder anderen Kunden würde sie nun definitiv verlieren, das war ihr klar. Andere würden sauer werden und wenn sie etwas Glück hatte, hatte vielleicht auch der ein oder andere Verständnis für sie.
Nach und nach telefonierte sie alle Kunden ab und erzählte ihnen das gleiche wie Jana auch. Das sie für ein paar Tage verreisen musste aufgrund der Familie und das sie sich noch mal wieder melden würde, sobald sie wieder da war. Wie erwartet kam ihr neben Verständnis auch einige saure Kunden ans Telefon, aber im Moment war Erin das egal.
Nachdem sie das letzte Telefonat beendet hatte, entspannte sie sich und lehnte sich im Sitz zurück und fuhr Richtung Kronhausen, Vesland zu Eva Kenzko. Dabei nutzte sie auch die Vorteile von Jasons Auto und gab Gas auf der Autobahn. Wie eine Feder glitt das Auto über die Straße und brachte Erin sicher an ihr Ziel.

Wesentlich früher als erwartet fuhr Erin die Hofauffahrt des Sportzentrums Redbird hoch. Langsam fuhr Erin die Baumalle hoch und konnte wie bei jedem Besuch nicht genug bekommen von der Anlage. Links und rechts befand sich Weideland ohne Ende und jede Menge Pferde grasten in der Frühlingssonne. Die unzähligen Gebäude waren in U Form auf dem Hof angesiedelt und dahinter befanden sich Reitplätze und weitere kleine Gebäude. Sie stellte ihr Auto neben einer Reihe anderen Autos ab und stieg aus. Sie ging ums Auto herum und nahm ihren Koffer aus dem Kofferraum. Danach ging sie als erstes ins große Haupthaus. Im Gegensatz zum letzten mal als sie hier war, herrschte hier nun stille..
Es herrschte allgemeine Ruhe auf den Hof und nachdem sie sich kurz umgesehen hatte entschied sie sich als erstes nach rechts zu gehen in Richtung Stutenstall. Dort fand sie auch Eva die grade eine Falbenfarbene Ponystute in die Box brachte. Neben ihr lief ein vielleicht 8 oder 9 Jahre altes Mädchen her. Seit ihrem letzten Besuch war die kleine Christina Kenzko wieder ein Stück gewachsen und sah ihrer Mutter immer ähnlicher. Erin lehnte sich in die Stalltür und beobachtete Mutter und Tochter eine Weile. Es war sonst ruhig im Stall und die meisten Boxen waren leer. Weiter hinten im Stall standen zwei Shettys auf der Stallgasse und wurden von zwei kleinen Kindern geputzt. Christina gestellte sich jetzt zu ihnen und Eva kam auf sie zu. Die beiden Frauen umarmten sich kurz.
„Hey“ begrüßte Erin die blonde Frau die trotzt ihrer 20 Jahren Altersunterschied eine gute Freundin geworden war.
„Hey“ begrüßte auch Eva sie und musterte sie dann. Danach zog sie die Augenbraun hoch und sah sie in ihren üblichen Mutter-macht-sich-sogern Blick an „Du siehst ….“
„Schlecht aus?“ schlug Erin vor.
„Na ja so drastisch hätte ich mich jetzt nicht ausgedrückt“
„Das weiß ich zu schätzen“
„Willst du drüber reden?“
„Nein“
„Hast du mit jemanden drüber geredet?“
„Nein“
Eva seufzte leise und drehte sich dann um. „Tina“ rief sie und wartete dran drauf das, dass junge Mädchen sie umdrehte „Ich fahr mit Erin jetzt erst los. Sagst du Papa das ich weg bin? Und pass auf die beiden kleinen auf“
„Ja Mama“ kam es vom Ende der Stallgasse und die junge Tina Kenzko winkte den beiden Frauen zu.
Eva und Erin winkten zurück und verließen dann den Stall.

„Lass uns erst mal losfahren, ich erzähl dir alles unterwegs“
Und so stiegen die beiden Frauen in Erins Wagen und Eva tippte eine Adresse ins Navi ein. Welmstadt war der Zielort.

Als Erin zwei Stunden später ihren Wagen vor einem runter gekommenen Stallgebäude parkte war sie voll im Bild. Es ging um einen jetzt 13 Jahren alten Hengst, den Eva vor knapp 4 Jahren verkauft hatte. Sie selber hatte ihn als jungen Hengst gekauft und ausgebildet. Jedoch war der Hengst nicht immer ganz einfach gewesen und irgendwann hatte sie sich dann doch dazu entschieden den bis Grand Prix ausgebildeten Hengst wieder zu verkaufen. Schnell war ein neuer Besitzer gefunden worden, der den Hengst für Zucht und Sport haben wollte. Für Eva war immer wichtig, dass die Pferde ein gutes Zuhause bekommen würde, täglich auf Paddock und Weide kam und vor allem im Sport vorgestellt werden. Der neue Besitzer des Hengstes hatte ihr das blaue vom Himmel versprochen und auch die Anlage auf die der Hengst damals gezogen war, hatte viel versprochen. Damals hatte sie geglaubt, dass der Hengst in gute Hände kam und war auch von ihrem Rückkaufsrecht zurück getreten. Allerdings hatte sie in den letzten beiden Jahren nichts mehr von dem Hengst gehört und mehr durch Zufall, hatte sie rausgefunden wo der Hengst nun stand und wie es ihm ging.
Bei dem versuch den Hengst wieder zurück zu kaufen war sie dann jedoch gescheitert, da der Besitzer ihr den Hengst nicht zurück kaufen wollte. Als Eva ihm dann jedoch erzählt hatte, das sie eine Kundin für ihn hatte, war her hellhörig geworden.
Jetzt kam Erin ins Spiel. Sie sollte sich als Potenzielle Kunden ausgeben und den Hengst am Ende kaufen. Das Geld würde sie von Eva wiederbekommen und der Hengst sollte bei Eva einziehen.

So war Evas Plan in der Theorie, in der Praxis sah Erin das ganze doch etwas schwieriger. Sie kramte im Handschuhfach etwas rum und fand dann ihre Sonnenbrille. Da heute die Sonne schien öffnete Erin ihre Haare, strich sie glatt und steckte dann die Sonnenbrille ins Haar. Danach sah sie Eva an.
„Perfekt“ grinste sie und die beiden Frauen stiegen aus. Erin straffte etwas ihre Schultern und folgte dann Eva in den Stall. In der letzten Box auf der rechten Seite stand das einzige Pferd im Stall. Als die beiden Frauen vor der Box standen zuckte der Hengst erschrocken zusammen und sprang in die hinterste Ecke und blieb dort stehen.
„Ach du meine Güte“ flüsterte Erin leise
„Mmmhh“ gab Eva nur von sich.
Der Hengst war abgemagert und dreckig in so weit sie das erkennen konnte, denn es war dunkel im Stall. Die Boxen waren vergittert und es gab keine Fenster. Die beiden Frauen standen noch eine Weile vor der Box, der Hengst jedoch blieb in seiner Ecke stehen. Sein Fell war stumpf und in seinen Augen fehlte der Glanz. Erin konnte noch nicht mal definieren welche Farbe er hatte, denn das Pferd stand Wort wörtlich im Mist und das ganze Fel war dreckig und verklebt. Erin konnte einige weiße Stellen erkenne, mehr aber nicht. Vielleicht einen Schimmel oder doch Rappe oder Brauner? Sie konnte es nicht difinieren.

„Frau Kenzko“ hörten die Frauen dann eine scharfe Männliche Stimme. Beide Frauen zuckten erschrocken zusammen, genau so wie der Hengst auch.
„Herr Freidich“ sagte Eva und reichte ihm die Hand, danach schüttelte Erin seine Hand. „Erin Lindsay, freut mich“
„Sie interessieren sich für den Hengst?“ fragte er misstrauisch.
„Ja genau“
„Können sie sich so ein Pferd überhaupt leisten?“ fragte er nun und musterte sie.
Erin zog die Augenbraun hoch und musste kurz nach den Worten suchen bevor sie antwortete.
„Keine Sorge das kann ich. Ich bin selbstständige Ausbilderin in der klassischen Dressur und mein Verlobter ist Beamter. Glauben sie mir ich habe Geld, aber wenn sie ihn nicht verkaufen wollen, ich habe noch andere Kontakte, die werden mir sicher was besseres anbieten können“ sagte sie nun und wandte sich ab zum gehen.
„Nein warten sie, so war das nicht gemeint“ rief er etwas aufgebracht und Erin konnte sich das grinsen nicht verkneifen.
„Was wollen sie für ihn haben?“
Als der Mann ihr die Kaufsumme nannte, musste Erin schlucken. Für ein Ausgebildetes und im Training befindendes Grand Prix Pferd wäre der Preis gerechtfertig gewesen, aber für das Pferd was da in der Box stand nicht.
Erin reichte dem Mann die Hand „Einverstanden“
„Sie wollen ihn nicht ausprobieren?“
„Seine Sportlichen Leistungen die er bisher gebracht hatte, sprechen für sich“
Der Mann schaute sie noch einen Moment an und schlug dann ein.
„Ich hole ihn morgen ab und bringe das Geld mit“ sagte sie und sie gingen in einen muffenden Raum um den Kaufvertrag zu unterschrieben.

Keine 10 Minuten später saßen die beiden Frauen wieder im Auto. Erin lehnte sich im sitzt zurück und fuhr sich durch ihre braunen Haare, bevor sie Eva ansah. „Das war viel zu einfach“ gestand sie ihr.
„Das war es auch“ gab Eva zu

„Was ist zwischen dir und Jason vorgefallen?“ kam es wenig später von Eva.
„Gar nichts“ gab Erin scharf wieder und stellte den Motor an bevor sie den Rückwertsgang einlegte und vom Hof fuhr.
„Erin komm, ich kenne dich bei weitem nicht so gut, aber selbst ich sehe, das es dir schlecht geht“
Erin umklammerte das Lenkrad und blickte stur grade aus auf die Straße. Es kam ihr wie Stunden vor bevor sie Eva antwortete „Es ist komisch zwischen uns“
Eva schwieg eine weile bevor sie weitersprach, auch sie schien ihren Gedanken nachzuhängen. Als sie dann jedoch weitersprach war ihre Stimme direkt und klar. „Ich weiß nicht genau was passiert ist, aber ich habe noch eine halben Stalltrakt frei ihm ehemaligen Laufstall. Wir haben das Züchten ja reduziert und aus den leeren Laufställen Boxen gemacht. Diese stehen jetzt schon eine ganze Zeit leer. Wenn du nicht zurück willst oder kannst, wieso auch immer, du kannst so lange bleiben wie du willst und für mich arbeiten oder Selbstständig auf Redbird. Du bist willkommen bei uns“
Erin lies sich den Gedanken immer wieder durch den Kopf gehen. Einen erneuten Neuanfang? Wieder ganz von vorne Anfangen? Fliehen vor ihren Eltern und einfach weitermachen? Eigentlich hörte sich das ganze viel zu schön an, anders rum müsste sie alles wieder zurück lassen. Jana und die Mädels auf Eichenau, die sie in den letzten Wochen so gern gewonnen hatte. Ihre Reitschüler, ihre Ersatzeltern Hank und Donna und vor allem Jason, den Mann den sie liebte. Liebte? Liebte sie ihn? Wirklich Gedanken hatte Erin sich da nicht wirklich drüber gemacht, aber Jason war wichtig für sie und ohne ihn konnte sie nicht leben. Allerdings wusste sie auch das Jason nicht mitkommen würde. Er hatte seine Familie und seinen Job und Amy. Grade der kleinen würde sie es nicht antun wollen, weg zu müssen aus ihrer gewohnten Umgebung. Wenn sie einen neu Anfang in Betracht zog, dann ohne Jason und Amy. Vielleicht war es gar nicht mal so schlecht. Irgendwie konnte sie sich mit dem Gedanken immer besser anfreund, auch wenn er schmerzte.
Eva wusste in groben Zügen darüber bescheid was sie belastete. Ihr gegenüber hatte sie nie groß drüber geredet, aber sie wusste das Erins Eltern gestorben waren bei dem Autounfall und was sie danach durchgemacht hatte.


zuletzt bearbeitet 25.05.2017 14:55 | nach oben springen


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