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Raffi #01 - Die Suche beginnt

in Leila 24.07.2018 10:15
von Leila • 101 Beiträge | 173 Punkte

"Schönes Wochenende, Raffi!", wünschte ihr ihre Büronachbarin, "Viel Erfolg bei deinem Vorhaben!"
Raffi bedankte sich und nahm ihre Jacke von der Gaderobe. Es war die Outdoor-Jacke, etwas länger, absolut regen- und winddicht und das war dieser Tage bitter nötig, denn für das Wochenende war Sturmflut und Böen angesagt. Wie hieß es so schön? Sturm ist erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben. Raffi war sich sicher, dass bei dem Wetter die Schafe entweder ihren Freischwimmer ablegten, vor lauter Wasser in der Wolle bewegungsunfähig am Boden lagen oder aber die örtlichen Bauern Gnade mit ihren Tieren hatten und sie im Stall ließen.
Sie hatte als letzte Aktion die Korrektur eines Artikels ihrer Kollegin abgesendet und ihrem nächsten Vorgesetzten die ersten Ideen und rudimentäre Recherchen zu einem Artikel über die Trawlerfunde aus der Doggerland-Episode zugesendet. Ob es diesen Artikel geben würde, war noch nicht sicher, aber die aktuellen Rückmeldungen für die "Unser Land vor unserer Zeit"-Artikel waren positiv auf Leser- und Expertenseiten und so war zu erwarten, dass weitere Ideen dafür gerne entgegen genommen wurden. Alle Redakteure waren angehalten worden, selbst Recherche zu betreiben und neue Vorschläge einzureichen. Es war gleichzeitig ein kleiner Test über Eigeninitiative gewesen und Raffi hatte nur zu gerne ein bisschen Gas gegeben, um vielleicht ihren ersten eigenen Artikel zu bekommen und nicht immer nur zu zu arbeiten. Nach einem Jahr in der Redaktion war es dafür langsam Zeit, vor allem nachdem sie ihren Abschluss über ein ähnliches Thema geschrieben hatte.
Jetzt wartete auf sie aber eine andere Aufgabe, die hatte heute extra überschüssige Gleitzeitstunden eingesetzt, um schon früh zu gehen. In den letzten Wochen hatte sie viel Korrespondenz gehalten und sich viel mir ihrer Mentorin Karin besprochen. Heute war es endlich so weit, sie würde sich tatsächlich zwei Pferde auf verschiedenne Höfen ansehen. Insgesamt hatten sie zusammen vier Ställe und sieben Pferde aufgetan, die aktuell offen zum Verkauf standen und fpr ihre Ansprüche in Frage kamen. Karin würde sie in einer Stunde zu Hause einsammeln. Bis dahin wollte Mittagessen durch sein und zu Hause warteten auch noch zwei Herren auf sie, die Aufmerksamkeit brauchten.

20 Minuten später betrat sie mit der Tüte in der Hand ihre Wohnung und ein lautes, zweistimmiges Maunzen drang zu ihr her, ehe etwas rostrotes und scheinbar sein Schatte angesprungen kamen.
"Habt ihr mich vermisst? Ihr vermisst mich immer", lachte Raffi, stellte Tüte und Handtasche auf die Anrichte und bückte sich zu den beiden Katern die einander unterschiedlicher nicht sein konnten. Während Fuchur gerne viel Laut gab, war Nero derjenige, der als erstes zur Stolperfalle wurde. Stauchelte Raffi dann durch die Wohnung, schaute Fuchur aus seinen türkisen Riesenaugen immer ganz eindrücklich als wolle er sagen "Schau mich nicht so an, ich war's nicht"
Sie kontrollierte den Trinkbrunnen und füllte Wasser nach, ehe sie die beiden aufgetauten Küken aus dem Kühlschrank nahm und ihren Mitbewohnern hin hielt. Nero war anfangs sehr skeptisch gegenüber den Frostküken gewesen, inzwischen hatte er jedoch Spaß daran gefunden. Dennoch mussten beide Herren mit ihren Leckerbissen in der Küche bleiben, während sei selbst sich im Wohn- und Esszimmer ihren Kumpir auspackte. Die Kartoffel war mal wieder perfekt. Raffi liebte das Essen von dem Laden, die raffinierten Kartoffel-Kombinationen waren es wert, regelmäßig Geld dort zu lassen.

Eine weitere halbe Stunde später hatte sie das Chaos ihrer Kater in der Küche beseitigt und war in die Reitklamotten geschlüpft. Als es fünf Minuten zu früh klingelte, verharrte ihre Blick kurz auf dem Foto im Wohnzimmer, ehe sie zur Tür ging. Fuchur wollte sie offensichtlich nicht gerne gehen lassen, also strich sie ihm noch einmal über das Köpfchen und versprach, das Wellnessprogramm heute Abend besonders ausführlich zu gestalten. Der rote Langhaarkater liebte es, ausgiebig gebürstet zu werden und Aufmerksamkeit zu bekommen. Nero war eher der verspielte Typ und ließ sich daher leicht beschäftigen.

"Schau an, da ist sie wieder in chic und elegant", stellte Karin fest, als Raffi sich kurz später auf den Beifahrersitz des Jeeps schob und die Kapuze absetzte. Sie kannte und liebte diesen Wagen. Er zog ohne weiteres einen Anhänger mit zwei ausgewachsenen Sportpferden, dazu die komplette Ausrüstung und wenn die Umstände es nicht anders zuließen, fanden auf der Ladefläche auch zwei kleine Heuballen problemlos Platz. Raffi hatte zwar ihren eigenen Wagen inklusive Anhänger für Turnierfahrten (ein Geschenk ihrer Eltern zum abgeschlossenen Master), wenn Karin selbst aber auch ritt, waren sie immer mit diesem Auto unterwegs. Karin war 15 Jahre älter als Raffi und beide kannten sich schon eine halbe Ewigkeit. Raffi schätzte die Meinung ihrer Mentorin und legte viel Wert auf ihr Urteil, daher war es ihr auch wichtig, dass sie heute zusammen Pferde ansehen fuhren.
"Stimm mich auf's Wochenende ein", motivierte Raffi sie, ihr noch mal die Fakten dessen darzulegen, was jetzt kam.
"Alles klar, unsere erste Station ist Fürstenwalde. Dort steht eine austdrucksstarke 10jährige von Carabineri aus einer Amant-Mutter. Vater geht auf Springgranate Callisto und über Mutterseite auf Desmond zurück, die Mutter ist aus eher unbekannten Linien, überzeugt aber selbst bis in M-Dressuren. Die Stute selbst ist grade frisch auf M angekommen, hat aber noch Raum für weitere Vorhaben. Zwischenzeitlich im Ausland gestanden und im Frühling zum Training nach Fürstenwalde zurück gegangen, da die früheren Besitzer nicht mehr die Zeit aufbringen konnten."
"Wie ist das Pferd so drauf?", fragte Raffi weiter, sie wollte vorbereitet sein.
"Temperamentvolles Wesen, wohl sehr gefällig, dabei aber nicht die leichteste unter Sattel, meist wohl umgängliches Pferd, turniererfahren, hat die Kindheit wohl auch hinter sich und brennt auf Förderung", erzählte Karin.
"Das klingt doch nach etwas. Und das zweite Pferd heute?"
"Sportpferde Winter" "Oh, Winters geben Dressursprosse ab?" "Ja, auch ein Heimkehrer aus den Staaten, auch eine Stute" "Erzähl mir mehr"
"Vater ist Edward, Mutter Lanthana. Beides Ausnahmetalente in Dressur. Die Stute selbst jetzt 11jährig und siegreich bis Prix St. George, wobei die Züchter noch mehr erwarten und da würde ich mich anschließen. Sportlich absolute Topklasse an Pferd! Ist 2011 schon einmal Mutter geworden, jetzt aber wieder voll im Sport angekommen. Gefälliges Pferd, Schafferin"
"Wow, da haben wir uns scheinbar die Créme de la Créme ausgesucht. Ausgerechnet die Stuten zuerst" Raffi verstummte.
"Du vermisst sie, oder?", fragte Karin unvermittelt.
"Ja, zur Hölle, verdammt, ich vermisse sie, als wäre sie ein zusätzlicher Arm gewesen", erwiderte sie und schaute aus dem Fenster. Wochenlang hatte sie mit der Arbeit und den Planungen zu Proberitten erfolgreich verdrängt, weswegen sie eigentlich losfuhren. Neun Jahre lang waren Herzin und sie ein Team gewesen, ein Herz und eine Seele. Unzählige Fotos zeigten die Dunkelfuchsstute auf der Weide, beim Turnier, mit Schleifen in Siegerehrungen, eingepackt in Transportausrüstung, wacher Blick, konzentrierter Blick, grimmige Reiterin, heulende Reiterin. Herzin war ihre Welt gewesen, ihr Refugium, wenn das Studium anstrengend wurde, ihre Laterne, wenn alles andere dunkel war. Sie merkte, wie ihr erste Tränen über das Gesicht liefen und schaute noch weiter zur Seite, damit Karin sie in Ruhe ließ und nicht weiter darauf einredete.
Ihre Mentorin verstand sie. Sie hatten in ruhigeren Stunden viel über das Thema geredet. Oft waren die Besitzer zum Zuschauen verdammt, wenn es dem besten Freund Pferd schlagartig schlecht ging und es keine Alternative mehr gab, als in der Klinik die Geräte abzuschalten. Sie fuhren eine halbe Stunde wortlos weiter und nur die Musik aus dem Radio untermalte ihre Fahrt, während in Raffis Kopf der Tag Anfang Juni noch einmal Bild für Bild für Bild vorbeizog. Schließlich hielt Karin an, stieg aus und kam mit zwei Bechern Kaffee zurück. "Bitte", sagte sie leise und Raffi nahm den heißen Becher dankend an. Es half und riss sie aus ihren Gedanken in die Wirklichkeit zurück.

Der Regen hatte nachgelassen und sie fuhren durch sanfte Hügel unter einem nach wie vor grauen Himmel. Schließlich setzte Karin den Blinker und folgte nunmehr einer kleineren Straße, die sie nach ein paar Minuten in eine Hofeinfahrt führte. Alles hier schrie "großer Sportstall", denn auf den Paddocks standen Sportpferde, ein paar zottelige Robustponys hoben die Köpfe vom Heu und alles wirkte irgendwie geplant. Der Hof ordentlich, die Fronten der Stallgassen professionell. Raffi mochte solche Anlagen, aber sie fand auch ihren Gefallen an kleineren Anlagen mit eingeschworeneren Gesellschaften. Zuletzt hatte sie gleichermaßen mit beidem zu tun gehabt. Auch hier kam direkt jemand auf sie zu. Der recht groß gewachsene Mann bekam von Karin tatsächlich einen zweiten Blick, wusste aber, dass Raffi wohl die angemeldete Interessentin war und reichte ihr daher zuerst die Hand.
"Guten Tag, Wegener mein Name, ich bin hier Cheftrainer der Dressursparte und soll Sie hier in Empfang nehmen", begrüße er die beiden.
"Andreas, mal nicht so förmlich, es ist zwar eine Weile her, aber wir kennen uns", lachte Karin und nach kurzer Verwirrung schien ihr Gegenüber sich zumindest an Karin zu erinnern. Beide tauschten ein bisschen Neuigkeiten und Nettigkeiten aus, während sie sich zur Halle bewegten, in der ein Reiter eine Braune trainierte.
"So, wegen der seid ihr hier", erklärte er schließlich, "das ist Akazie, unsere Carabineiri-Tochter. Vater zwar Doppelt veranlagt, hier hat dann aber das Dressurpotenzial durchgeschlagen"
Raffi hörte den folgenden Erklärungen über die Stute mit halbem Ohr zu und beobachtete dabei den Reiter in der halle oder vielmehr die Stute unterm Sattel. Besonders klein oder groß war sie nicht, schätzungsweise irgendwo um 1,70m herum. Bis auf einen einzelnen weißen Hinterfuß brachte sie keine Farbe mit. Optisch nicht eine die besonders auffiel, aber die Bewegungen, die sie zeigte, und die Kraft, die sie ausstrahlte, sprachen ein anderes Bild.

"Raffi, kommst du?", fragte Karin. Sie hielt Raffis Handschuhe und Kappe und stand in einer kleinen Tür in der Bande, offensichtlich gab es einen direkten Durchgang zur halle selbst.
"Ich dachte mir, Sie können sich jetzt viel anhören, aber das Gefühl sagt dann doch deutlich mehr aus als der Rest", erklärte Andreas Wegener grade und rief dann, "Lukas komm mal her, hast genug gemacht"
Der Reiter schloss noch die lange Seite im Arbeitstempo ab, versammelte das Tempo, durchmaß die Ecke und kam von C herangeritten, um die Stute drei Meter vor ihnen perfekt zu halten. Raffi zog sich die Kappe auf und die Handschuhe an, überreichte Karin die Jacke und trat auf die Braune zu. "1,70m?" fragte sie den Trainer. "1,71m", nickte der, "gutes Augenmaß. Lukas"
"Raphaela", stellte sie sich vor und schüttelte die angebotene Rechte. Sie stellten die Bügel ein und er hielt schnell gegen, während sie sich in den Sattel schwang. Wie immer fühlte sich jedes Pferd und jeder Sattel einzigartig an. Sie ließ den Kandarenzügel zunächst etwas länger und beschränkte sich darauf, die Stute am Unterleg-Gebiss zu reiten. Einige Runden im Schritt, während sechs Augen sie verfolgten. Sie Stute hatte kraftvolle, schreitende Bewegungen. Alles sprach für einen ausgezeichneten Trainingszustand. Der Abfrage von Schulterherein und dem Verkleinern und Vergrößern des Vierecks kam sie ohne großes Zögern nach. Als Raffi antrabte, schien die Stute zu merken, dass da ein Fremdreiter im Sattel saß, schaltete auf Testmodus und warf die Nähmaschine an. "Ruhig, ruhig, Madame!", redete sie auf die Stute ein, trabte leicht und zwang ihr durch langsameres Aufstehen udn Hinsetzen wieder ein ruhigeres Tempo ab. Ein paar Hufschlagfiguren und Handwechsel, dann schob sie die Hinterhand der Stute in die Bahn udn spürte, dass Travers sicher saß. Auf beiden Händen wiederholte sie dies und auch die Gegenlektion das Renvers, ehe sie sich in den Galopp wagte und am Tempo variierte. Die Stute holte ein bisschen Schwung heraus und ließ sich jetzt nur schwer davon überzeugen, doch auch mal gesitteteres Tempo zu gehen. Sie schob das sowohl auf diie fallenden Temperaturen und die Wetterlage draußen als auch auf die Tatsache, dass sie das Pferd nicht kannte und es umgekehrt ebenso ging. Sie galoppierte durch die ganze Bahn, wechselte vor Ende der Diagonalen den Galopp und wiederholte die Diagonale erneut, galoppierte im Außengalopp durch die Ecke und saß erst dann den Wechsel.
Ohne Frage beherrschte die Stute ihre Lektionen, kaute fleißig und schnaubte zufrieden ab, als Raffi ihr den Zügel zum Abkauen gab. "Wie ist sie sonst so drauf?", fragte sie Lukas, der - wie sie aus dem Gespräch zwischen Karin und den beiden Männern mitgehört hatte - Trainer der Stute war.
"Ich möchte da nichts schönreden. Sie kann viel und gibt auch viel, allerdings kann sie gerne auch mal durchgängig 120%. Im Gelände dreht sie gerne auf, die beweist sich gerne vor anderen Pferden und kann unausstehlich sein, wenn sie rossig ist. Außerdem hat sie gerne Augen und Ohren überall", erklärte er.
Kommt mir bekannt vor, dachte Raffi, wie wir Frauen eben hin und wieder so sind.
"Und Turnierverhalten?", fragte sie.
"Nicht anders, viele Pferde und sie ist die Tollste von allen. Sie kennt das alles und braucht dann trotzdem Augen und Ohren überall. Ich hatte mit ihr Auftritte, da hätte ich sie am liebsten in die Tonne gekloppt und dann wieder welche, da fühlte sich alles an, als wären wir auf Wolken unterwegs"
Raffi kannte beides nur zu gut. Ganz oben uns ganz unten, auf Turnieren war das alles so nah beisammen und es hing nicht nur von den beiden Konstanten, also Reiter und Pferd ab.
Sie trabte die Stute wieder an und fragte große Achten ab. Dabei ließ die den Zügel immer wieder abkauen und sammelte die Stute neu ein. Es fühlte sich gut an, wie sich das große Pferd unter ihr streckte. Sie saß ein und spannte die Bauxchmuskulatur an. Die Stute parierte durch und streckte sich weit nach vorne und unten.

"Na, was sagst du?", fragte Karin, als sie nach einem gemütlichen Kaffee mit Andreas wieder im Auto saßen.
"Das ist das erste Pferd. Es fällt mir schwer, Aussagen zu treffen. Mit Herzin..." sie zog kurz scharf Luft ein "... war es anders. Ich hatte sie als Trainingspferd gestellt bekommen und wir sind zusammen gewachsen. Erst hatte ich sie nur zur Verfügung und dann war sie irgendwann meine. Da war nicht viel Probereiten, es war einfach so als müsste es"
"Das kommt mir bekannt vor. Ihr wart einfach... ein Team. Es ist so unfassbar schade um sie"
Beide verstummten.
"In 200 Metern biegen sie rechts ab", durchbrach das Navi die Stille.

Zum Hof der Winters war es keine Weite Fahrt und sie lenkten sich wieder durch nichtssagenden Kleinkram ab. Dort wurden sie von Alvaro Souza Peres empfangen, der Karin sofort erkannte und so stand Raffi etwas ratlos neben beiden herum, beschaute interessiert das Treiben am Hof und versuchte dabei nicht wie das fünfte Rad am Wagen auszusehen.
"Ähm", machte sie sich bemerkbar, als die beiden Menschen vor ihr drohten, in ein neues, noch größeres Gesprächsthema abzuschweifen. Karin unterbrach sich, schaute sie kurz verwirrt an und schien dann zur Realität zurück zu kehren.
"Oh ja, stimmt, wir sind ja nicht ausschließlich zum Plaudern hier", stellte sie fest, "sondern wegen Raffi und eurer Esme."

20 Minuten später standen sie zu dritt in der Halle und schauten Esme beim Laufen zu. Die Stute war bisschen kleiner als Akazie und mit mehr Abzeichen ausgestattet, in den Bewegungen taten beide sich aber wenig. Quietschend buckelte die Braune um sie herum, parierte dann, um mit geblähten Nüstern und hochweiten Trabtritten durch die Halle zu stoffeln. Alvaro verstellte ihr dann und wann den Weg, damit sie die Richtung wechselte und die Stute besorgte den Rest an Action. Aber Holla, da kam eine Menge heraus! Neben ihnen stand ein kleiner Wagen, auf dem der Sattel der Stute hing, dazu ein paar Zügel mit Schnellverschlüssen, die sie für die Freilaufaktion ausgehakt hatten, außerdem eine Box mit nicht sichtbarem Inhalt und eine Abschwitzdecke. Die Beine hatte die Stute schon bandagiert. Und so wie die flogen waren auch die Hufglocken vorne wohl keine schlechte Entscheidung gewesen. Nach 10 Minuten ausgiebigen Herumgebuckels und High Life kam die Stute langsam zur Ruhe, schnaufte, schnaubte und betrachtete beim Traben den Boden vor sich, parierte dann zum Schritt und hatte sich innerhalb von Sekundenbruchteilen in den Hallensand geworfen.
"Mist, das wollte ich eigentlich vermeiden. Sie ist da immer sehr spontan und entschlussfreudig", murmelte Alvaro, zog eine Wurzelbürste aus der Box im Wägelchen und reichte sie Raffi.
Nachdem die Stute sich ausgiebig gewälzt hatte, rappelte sie sich hoch und kam gemütlich auf sie zu geschritten. Höflich hielt sie vor Alvaro, ließ ihn beidseitig den Zügel einhaken und schnupperte dann neugierig an Raffis Hand.
"Hallo du Hübsche!", begrüßte diese sie, strich der Stute über die Nase und hielt ihr dann die Bürste hin. "Darf ich kurz?"
Die Stute schnaufte einmal und Alvaro hielt sie locker fest, während Raffi sie schnell abbürstete und dann den Zügel übernahm, während der Sattel aufgelegt wurde. "Na dann mal hoch mit dir!", meinte Alvaro noch und schmiss Raffi in den Sattel hoch. Sie sortierte sich und merkte direkt den Unterschied zu Akazie.
Sie hatte nicht dieses Gefühl von dauerhafter Spannung eines aufgeregte Pferdes, sondern eher die Ruhe einer gelassenen Stute, die lediglich neugierig darauf war, was als nächstes passieren würde. Ein leichter Druck mit den Schenkeln und ein bisschen Schieben in der Hüfte und die Stute schritt gemütlich daher. Sie ließ ihr einige Runden, ehe sie erste Stellung und Seitengänge forderte, die Stute einsammelte und setzte und dann schließlich nach dem Nachgurten die Trabarbeit begann. Der Eindruck vom Boden hatte nicht getäuscht, Esme hatte hochweite Bewegungen und Raffi spürte schnell die eigene Bauchmuskulatur für die eigene Haltung arbeiten. Das würde trotz aller Gewöhnung wohl Muskelkater geben. Zirkel, Schlangenlinien, Volten, schließlich ein lockerer Galopp. Die Stute kaute derweil fleißig am Gebiss und holte weit nach oben aus. Die Galoppade war kraftvoll, sie setzte sich weit unter ihren Schwerpunkt und holte viel Schub heraus. Übergang auf den Zirkel, Handwechsel aus dem Zirkel und die Stute ließ sich bei X einwandfrei umstellen und umspringen. Zwei Runden Zirkel, dann ging Raffi bei A auf die ganze Bahn und wechselte durch die ganze Bahn. Die dort gefragte Verstärung des Tempos lieferte die Braune ihr gerne auf Zuruf und ließ sich ebenso spielend wieder einsammeln.
"Gefällt es dir?", fragte Karin, als sie fünf Minuten später nach weiterer Galopparbeit und Seitengängen im Trab hielt und erneut nachgurtete. Sie blickte ihrer Mentrorin in die Augen und sah ein Blitzen in ihren Augen. Die 41jährige verstand sie ohne Worte und sah weiter lächelnd zu, wie die junge Frau der motivierten Stute Tritte Rückwärts, Galopp-Schritt-Übergänge, versammelten Galopp und Schrittpirouetten abverlangte und alle Antworten auf ihre Fragen erhielt. Nach einer halben Stunde, in der sie immer wieder mal mehr und mal wenige gefragt hatte, parierte Raffi schließlich aus Trab in vorwärts-abwärts durch und ließ sich nach drei Runden im Schritt die Abschwitzdecke geben.
"Wir haben uns gerade darüber unterhalten, wie schade es ist, dass du keine reine Reiterkarriere ins Auge gefasst hast", lachte Karin und auch Alvaro musste schmunzeln, "Bei solcher Affinität zu Fremdpferden, so einer Motivation und grundsolidem Training wärst du wahrscheinlich nur zu gerne als Beritt-Azubine genommen worden, aber das erzähle ich dir nicht zum ersten Mal"

Tatsächlich hatte Karin sie ab der 11. Klasse bis zum Abitur und dann die Jahre durchs Studium hinweg immer wieder darauf angesprochen und immer wieder hatte Raffi ihr das gleiche gesagt: Sie liebte die Reiterei, sie mochte die Turnieratmosphäre, aber irgendwas in ihr hatte gesagt, dass ein Studium in eine andere Richtung eine richtigere Entscheidung war. Begründen konnte sie das nicht, sie wusste lediglich, dass sie an dieser Stelle der inneren Stimme vertrauen musste.

Sie halfen zusammen noch mit, die Stute zu versorgen und wieder in ihre Box zu bringen und setzten sich anschließend noch zu einem Kaffee zusammen und Alvaro erzählte noch ein bisschen über den Werdegang der Stute und ihres Sohnes in den Staaten. Er lud die beiden Frauen ein, gerne erneut vorbei zu schauen und Esme zu besuchen, falls es der Entscheidungsfindung dienlich sein sollte. Raffi versprach, sich zu melden und sie und Karin verabschiedeten sich schließlich von Alvaro. Es war inzwischen dunkel geworden, nunja, so war der Spätherbst eben.

"Du wirktest auf ihr deutlich zufriedener", stellte Karin fest, als sie wieder alleine waren.
"Ja, sie ist entspannter. Neugierig auf das, was kommt, kooperativ und scheinbar nicht so temperamentvoll wie Akazie. Ich habe festgestellt, dass ich auch so Rangkämpfereien und Gehabe nicht mehrso viel Lust habe. Das ist bei ihr ein großes Plus. Sie ist auch weiter ausgebildet, man hat deutlich weniger Unsicherheiten bemerkt. Die wollte einfach geben, was sie kann, die wollte mir etwas beweisen und das hat wirklich Spaß gemacht", erzählte Raffi.
"Das kann ich verstehen, es wäre mal Abwechslung nicht immer um alles kämpfen zu müssen" Karin nickte.
"Nicht nur das", erwiderte Raffi, "Mit Herzin war ich an einem Punkt, wo ich selbst gemerkt habe, dass da nicht mehr viel kommen konnte. Wir haben uns gegenseitig immer wieder mal blockiert. Mit einem neuen Partner habe ich die Möglichkeit ein Pferd zu finden, das eben diese Blockarde nicht mitbringt, warum also nicht danach suchen?"
"Sehr weise, aber vorm voran kommen, liegen noch ein paar Monate"
"Ja ich weiß, ich suche ja aber auch ein Pferd mit dem ich meine reiterliche Zukunft planen möchte"
Natürlich wusste Raffi, dass Karin genau verstand, worum es ging, trotzdem tat es gut, das alles auszusprechen. Sie unterhielten sich noch eine Weile über die beiden Stuten, Karin plauderte aus dem Nähkästchen und schließlich gingen ihnen die Themen aus, sodass Raffi auf ihr Handy schaute, das sie zwischenzeitlich im Flugmodus gehabt hatte.
Eine neue Nachricht von ihrer Schwester, die ein Foto von ihrer Nichte geschickt hatte. Eine Nachricht von ihrer Mutter, wie die Ritte gelaufen waren (warum hatte sie davon noch mal erzählt?) und schließlich noch eine von ihrem Kollegen Thomas.

Ich möchte dich wieder sehen, hatte er geschrieben.
Ich fand unser Treffen auch sehr schön und würde mich freuen, wenn wir das wiederholen können, antwortete sie ihm.

Thomas war aus der Riege eine Ebene über ihr. Sie waren irgendwann mal ins Gespräch geraten, hatten dieses dann per Messenger fortgesetzt, waren zweimal in der Mittagspause zusammen Essen gewesen und hatten sich schließlich für ein Abendessen verabredet. Vor drei Tagen war eben dieser Abend gewesen. Raffi war aufgeregt gewesen wie eine Teenagerin angesichts des ersten Dates seit gefühlten Jahrzehnten. Er kannte einen guten Italiener im Nachbarort und nach grandioser Pasta, gutem Wein und einem Espresso waren sie noch spazieren gewesen. Nach Gesprächen hierhin und dorthin hatte er ihre Hand genommen, nach weiteren zehn Minuten hatten sie schließlich im dunklen Schatten einer riesigen Buche Halt gemacht, er hatte sie angesehen und sie hatte gewusst, dass sie beide an das gleiche dachten. Die folgenden 30 Minuten waren zwar äußerlich kalt aufgrund des Wetters gewesen, aber innendrin ganz warm mit den zärtlichen Küssen und den Händen in den Haaren. Er war ein attraktiver Mann, ein bisschen größer als sie, trainiert, dunkelhaarig mit haselnussbraunen Augen und einem Bartschatten, der ihm etwas markantes verlieh. Beide waren so vernünftig gewesen, dass er sie nach Hause gefahren und sie ihn nicht hinein gebeten hatte. Er hatte außerdem angemerkt, dass es den Kollegen sauer aufstoßen könnte, wenn innerhalb der Redaktion etwas lief, vor allem wo sie noch so neu und er technisch gesehen fast ihr Vorgesetzter war. Es war nur vernünftig, es erst einmal für sich zu behalten, eben weil es bislang noch nichts festeres war.

"Raffi, hallo?", fragte Karin.
"Ja, ja, finde ich auch", beeilte sie sich zu sagen.
"Was findest du auch?", fragte Krain verwirrt.
"Was du sagtest", bestätigte Raffi mit einem Nicken.
"Ich habe gefragt, ob wir lieber Pizza oder asiatisch essen wollen", lachte Karin, "Warst du ganz woanders?"
Ertappt merkte Raffi, wie ihr ziemlich warm wurde. Sie murmelte eine Entschuldigung und entschied sich für Asiatisch.
Als Karin sie abgesetzt und sie den Ablauf des nächsten Tages besprochen hatten, war endlich viel Zeit für ihre beiden Kater zu Hause und als sie später mit den beiden Herren faul auf dem Sofa lag, nahm sie ihr Handy zur Hand, scrollte noch einmal durch den Nachrichtenverlauf mit Thomas und sendete einen Gute-Nacht-Gruß. Dann löschte sie die Lampen und ging zu Bett, im Kopf die beiden Pferde des Nachmittags und viel mehr noch den Abend drei Tage zuvor.

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#2

RE: Raffi #01 - Die Suche beginnt

in Leila 31.07.2018 20:52
von stogadis • 92 Beiträge | 128 Punkte

Sehr schön geschrieben! Du hast ein tolles Bild von den beiden Stuten vermittelt und ich bin gespannt, ob wir am Ende eine hier begrüßen dürfen. Auch auf die nächsten Pferde am darauffolgenden Tag bin ich gespannt! Der Einblick in ihre Vergangenheit mit Herzin ist wirklich gefühlvoll geschrieben, da hab ich direkt eine Gänsehaut bekommen.

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