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[ARI] #5 | Meisterstück im Schimmelkleid

in Leonie 24.07.2018 23:49
von Leonie • 146 Beiträge | 236 Punkte

Salzige Luft, die trotz der Nachmittagshitze kühl wirkt, sich nicht von der unermüdlich scheinenden Sonne kleinkriegen lässt, ihr trotzt und in ihr zu tanzen scheint, als spotte sie. Der Wind trägt sie vor sich her, macht sie mehr zu seinem Spielball als die Sonne es vermochte und zusammen bilden sie den so angenehmen Kontrast zu der glühenden Haut, die sich nicht der Sonne entziehen kann. Manchmal, wenn eine der Wellen besonders hoch gegen die Felsen schlägt, trägt der Wind sogar ein wenig feine Gischt herüber und beschert Abkühlung. Existiert ein Ort, der perfekter ist, als dieser?

In diesem Augenblick bezweifele ich das. Die rhythmischen Bewegungen des Pferdes unter mir, die Hufe auf sandigem Boden, das Meer zu meiner rechten ... Perfektion, dürfte ich sie ausmalen, sähe ziemlich genau so aus. In diesem Moment verdränge ich all den Stress, der mir die letzten Tage in diesem Paradies nahezu noch vermiesen wollte, all das Heimweh, das täglich mit dem Fernweh rang und all diese kleinen Problemchen aus dem Alltag, die zu den unpassendsten Zeiten ihren Kopf zur Tür hereinstecken. Es ist alles völlig egal. Irrelevant. Viel zu weit weg.

Und doch weiß ich, dass irgendwann auch dieses Stück der Bucht enden würde und der stolze Schimmel unter mir würde, unerschütterlich, seinen Weg über die felsigen Pfade zurück finden - zurück nach Hause. Sein Zuhause, das war nicht mein Zuhause, jedenfalls nicht das richtige, und doch war es mir etwas ähnliches gewesen in diesem letzten halben Jahr. Ich würde lügen, behauptete ich, dass ich das erwartet hätte.

Vor fast sechs Monaten hatte mich plötzlich meine Rastlosigkeit gebissen. Sie hatte all die Zeit gelauert, still und stumm, doch da, geduldig auf ihren perfekten Moment wartend. Der perfekte Moment war in der Regel genau der, in dem ich zur Ruhe kam. Die letzten Jahre hatten mir nahezu keine Möglichkeit dazu gelassen. Von den Winters zog ich nach Eichenau, verkalkulierte mich und landete bei den Steubens. Drei Umzüge in drei Jahren. Die Rastlosigkeit rieb sich zufrieden die Hände, doch ich spielte ihr nicht in die Karten. Bei den Steubens kam ich an. Meinen Pferden ging es bestens, ich machte mir einen Namen in der, zugegeben recht kleinen Working-Equitation- und Vaquera-Szene, mein kleines Unternehmen florierte - mir ging es gut. Ich kam an.

Für ein paar Monate gönnte mir die Rastlosigkeit dieses Gefühl der Sicherheit. Sie wog mich darin, ihre scheinbar schützenden Arme um mich, träge wirkend und doch lauernd. Das sah ich zu der Zeit nicht. Ich fühlte mich wohl auf dem Gut, meine Stallnachbarn wurden zu richtigen Freunden und ich war näher an dem Gut der Winters, als ich es zuvor gewesen war. Die Vazaos waren nah, meinen Trainer hatte ich nah bei mir und die Freunde, die ich bei den Winters gefunden waren auch nicht weit. Mir ging es wirklich gut.

Aber immer wenn es mir gut geht, kommt dieses kleine Biest und flüstert mir ins Ohr, das sei alles nicht gut genug. Es geht besser. Mach weiter, immer weiter. Stillstand ist Rückschritt. Schlimmer noch: unerzwungener Rückschritt. Ich brachte die Stimme zum Schweigen, ein imaginärer Streifen Panzerband reichte fürs erste und das kleine Miststück schimpfte nun dumpf in einer hinteren Ecke meines Gedankenreichs. So wars recht.

Und doch war es, wie mit allem, das man von sich schiebt: Man weiß genau, dass man sich dem irgendwann stellen muss. Irgendwann. Manchmal wirkt das so weit entfernt - und ein anderes Mal ist das schon morgen. Wenn man mich fragt, was meine größte Stärke und zugleich Schwäche ist, so antworte ich: Fehler machen. Ja, jeder macht Fehler. Aber ab und an habe ich das Gefühl, dass ich unzählige mehr mache als meine Mitmenschen. Sie bringen mich nach vorn, natürlich, aber sie werfen mich auch immer wieder auf den Boden, erdrücken mich, nehmen mir die Luft, den Raum, die Freiheit ...

ICH MUSS HIER RAUS.
Und da ist es. Dieses kleine, grinsende Miststück. Es kommt raus aus seiner Ecke, süffisant das Panzerband in der Hand wiegend und diese Augen! Diese Augen sagen stumm: Nun bist du fällig. Ich hab dich lang genug in Ruhe gelassen, nun ist meine Zeit.

Und dann halte ich es nicht mehr aus. Ich muss etwas ändern. Es ist nicht so, dass ich dann direkt, die gepackten Koffer in der einen Hand, den Abschiedsbrief in der anderen losrenne - aber wenn sich die Rastlosigkeit erst einmal wieder eingenistet hat, werde ich früher oder später Folge leisten. Manchmal kommt dann eines zum anderen und scheinbar überhaupt nicht verbundene Dinge bringen mich dazu, dass ich einen Ortswechsel brauche, eine neue Aufgabe ... alles neu.

Ich überrasche meine Mitmenschen häufig, mit einem Plan, den ich dann so stur durchsetze, dass man mich kaum wiedererkennen mag. Ja, ich habe mein Temperament und ja, das bricht durchaus auch mal Bahn, aber in der Regel und gerade in meiner Funktion als Unternehmensleiterin bin ich beherrscht, kalkulierend und genau abwägend. Gerade aus diesem Grund war ich mir völlig sicher, dass ich meinen Plan umsetzen könnte. Ich sprach zuerst mit meinem Geschäftspartner, als der mich ermutigte dann mit meinen Mitarbeitern und schließlich mit den Hofbesitzern vom Gut. Und dann war alles klar: Ich würde für ein halbes Jahr nach Portugal gehen und meine Bereiterausbildung im Bereich der Doma Vaquera wie der Doma Clasica endlich abschließen.

Nun muss ich dazu sagen, dass ich eben einen Teil der Ausbildung nach meinem Schulabschluss bereits absolviert habe und mir eigentlich nur die praktischen Prüfungen fehlten, die Praxis, die ich brauchte und einen Hof der bereit wäre mich auszubilden. Es wäre das naheliegendste gewesen, diese Ausbildung bei den Vazaos zu beenden, bei denen ich sie eben begonnen hatte, doch "leicht" liegt mir nicht und so ging ich den steinigeren Weg. Ich bewarb mich, ganz normal, zwar bei Züchtern und Aufzuchten, die mir die Vazaos empfohlen, schließlich wollte ich nicht in irgendeinem 0815-Stall arbeiten, bei dem am Ende noch die Haltungsbedingungen Bauchschmerzen verursachten. Und wie der Zufall es will, suchte genau der Hof, der mir am besten gefiel, eine zuverlässige Hilfe im Sattel.

Was dann folgte, muss ich nicht großartig ausführen: Ich flog für ein Wochenende nach Portugal, um dort vorstellig zu werden und meine reiterlichen Kenntnisse einer Probe zu unterziehen. Sie schonten mich nicht wirklich und packten mir den Hengst des Hofbesitzers unter den Sattel, der dafür bekannt war, eben nur einen Reiter auf seinem Rücken zu dulden. Ich mag euch keinen Bären aufbinden und erzählen, alles wäre wunderbar gelaufen, alle wären erstaunt und völlig begeistert gewesen - im Gegenteil. Dieses Pferd ist ein Aas! Aber leider auch ein Ass. Und ich bin ehrgeizig, also gab ich nicht auf, versuchte wieder und wieder die geforderten Übungen mit dem Hengst abzurufen und scheiterte erneut und erneut und erneut. Doch ich blieb ruhig und das war genau das, was sie sehen wollten: beharrliche, ruhige, konzentrierte Arbeit.

Auf dem Rückflug hatte ich den Arbeitsvertrag im Gepäck. Unterschrieben.

Das war vor sieben Monaten. Ich brauchte eine Weile, um die Aus- und spätere Wiedereinreise meiner Pferde zu organisieren, auch wenn das etwas leichter war, dadurch, dass wir ja eh länderübergreifend auf den Turnierplätzen unterwegs waren. Auf der Arbeit bereitete ich alles soweit vor, dass ich die nächsten Wochen weitestgehend aus dem Homeoffice ein paar Tausend Kilometer entfernt arbeiten konnte und schließlich ging es dann irgendwann los. Der Traum einer damals siebzehnjährigen, die ihre Ferien schon für die Ausbildung neben der Schule verwandte, sollte sich endlich erfüllen.

Die ersten Wochen waren hart. Ich ritt erstmals seit Jahren fast unter konstanter Aufsicht und wenn euch ein Reiter erzählen will, dass sich bei ihm ja sicher keine Bequemlichkeitsfehler einschlichen, dann schickt ihn mal zu einem fremden Trainer. Was wurde ich auseinander genommen. Man kann es echt nicht anders sagen, denn gerade mit den eigenen Pferden wurde natürlich ein Maßstab angelegt, den ich anfangs schlicht nicht erfüllen konnte. Bei der Arbeit mit Ico hatte ich vielleicht noch ein wenig Nachsicht erwartet, doch selbst da offenbarte man mir schonungslos meine Fehler, die eben ein frisches Paar Augen vielleicht eher sehen, wenn sie dich täglich bei der Arbeit beobachten können, als dein Stammtrainer, der deine größten Schwächen kennt und vielleicht kleinere nicht zwingend sieht. Und natürlich stellen sich die Pferde darauf ein, denn so wird es ja immer gemacht. Im Prinzip ging also nicht nur ich in die Schule, sondern meine beiden Pferdemänner auch.

Es klingt alles viel schlimmer als es war. Nachdem mein Ego sich erholt hatte (es dauerte knapp zwei Tage), machte ich mich an die Arbeit. Man gab mir eine Chance und die hatte ich schließlich zu nutzen. Mein engster Ansprechpartner kristallierte sich schnell heraus: Javier dos Santos Ivaz. Javi ist ein hochgewachsener, ständig flachsender und feixender junger Mann, dessen dunkle Augen so unergründlich scheinen, dass ich mich so manches Mal darin verlor. Wirklich, da kann man komplett eintau... seht ihr, es passiert schon wieder. Javi hat sich auf dem Hof vom Stallburschen zum Chefbereiter der Doma Vaquera hochgearbeitet und strotzt nur so vor Ehrgeiz, den er eben auch gern auf seine Schüler überträgt, zwei- wie vierbeinig. Und so gab er mir einen Hengst unter den Sattel, der eine regelrechte Herausforderung war.

Ein Schimmel, hoch gewachsen und massig, mit dunklen Augen, die jede Bewegung abzuwägen schienen und einem Charakter, der dich in den Wahnsinn treiben kann. Als Javi mir den Hengst vorstellte, stand der auf der Weide, fraß sich genüsslich den Bauch rund und ich hätte ihn von weitem eher für eine tragende Stute gehalten. Damals erzählte er mir, dass Veno, vollständig Veneracao für Ehrfucht, ein fein gerittenes und ausgebildetes Pferd sei, das seinen Schwerpunkt in der Begleitung eines Reiters im Stierkampf gefunden hatte. Nun war eben dieser seit einigen Jahren, gottseidank!, verboten und ein Pferd wie dieses stellte man auf die Weide, ja überließ es gar sich selbst. Veno war ein Kollateralschaden wie man ihn nicht besser definieren konnte: Vom Menschen zum Werkzeug in einem grausamen Wirtschaftszweig gemacht und als er nutzlos wurde zur Seite gestellt, wo er nicht im Weg war. In diesen Momenten spürte ich eine solche Wut auf die Menschheit und wie grausam sie sein konnte, dass mir die Röte in die Wangen stieg. Javi betrachtete mich damals eingehend, musterte und analysierte, bis er schließlich zufrieden nickte. "Was?!", herrschte ich ihn an und bekam zur Antwort, dass er in meinen Augen all das sah, was es brauchte, um diesen Hengst zu altem Glanz zurückzuführen: Wut auf das, was man aus ihm gemacht hatte, Ehrgeiz ihn wieder zum stolzen Hengst zu machen, der er war und genügend Ruhe, das mit Bedacht zu tun.
"Du hast Feuer und Geduld zugleich, das findet man im Pferd wie im Menschen nur selten", sagte Javi damals zu mir und machte auf dem Fuße kehrt, um mich mit Veno, dem ehemaligen Stierkampfstar, allein zu lassen. In all den Wochen ließ er mich allein mit dem Hengst arbeiten, zwar mal neugierig über die Bande lugend, doch ohne jegliches Wort des Rats oder der Kritik, wenn ich nicht danach fragte.

Natürlich war Veno nicht das einzige Pferd, das ich arbeitete, doch er war die größte Herausforderung: ein junges Pferd konnte man formen, an Aufgaben heranführen, neu fordern ... doch ein erfahrenes Pferd? Die Grundlagen waren die gleichen, na klar, doch dieser Hengst kannte den Drill aus der Arena, die Adrenalinstöße, wenn der Stier auf seine Provokationen einging, die Wendigkeit ihm zu spotten. Wie sollte ich einen solchen Hengst auf die alten Wege zurückführen ... ohne all das?

Ich begann, ihn vom Boden zu arbeiten. Der Schimmel hatte sich einen Wohlstandsbauch angefressen und die Muskulatur, die da war, verbarg sich unter massigen Fettschichten. Traf man uns nicht im Roundpen an, so drehte ich endlose Runden mit ihm an der Hand oder als Handpferd, um die lästigen Pfunde abschütteln zu können und Muskulatur wieder aufzubauen. Ein Monat verging, ein zweiter folgte und im dritten legte ich ihm einen Sattel auf, in dem Wissen, den Gurt auch schließen zu können. Der Hengst hatte arbeiten müssen und ihr hättet sehen sollen, welche Gemütsänderungen das bewirkte: Anfangs lethargisch, desinteressiert, gar ignorant wandelte sich der Hengst mit jeder Aufgabe zu einem aufmerksameren, arbeitswilligeren Tier. Dieses Pferd wollte arbeiten, mit jeder Faser seines Körpers lechzte er nach einer Aufgabe, nach Zuwendung und Beschäftigung.

Er machte es mir nicht leicht, der alte Brummbär. Und doch schreitet er nun unter mir forsch aus, überwindet große Distanzen ohne Mühe und wuchtet seinen nun wieder muskulös-massigen Körper über die Dünen, als wir das Ende der Bucht erreichen. Veno schnaubt im Takt seiner Schritte und lässt den Kopf gleichsam wiegen, die Zügel in meiner Hand liegen ohne Spannung an seinem Hals an. Ich bin wirklich stolz, was ich mit diesem Hengst erreicht habe. Vom dicken, unterforderten (aber gepflegten!) Weidepferd zu einem, das seine Aufgabe wiederentdeckt hat und kaum erwarten kann, es allen zu zeigen.

Ich kann es immer noch nicht ganz glauben, aber als ich den Hengst erst einmal soweit hatte, blühte er mit der Arbeit unter dem Sattel richtig auf. Javi hatte Recht gehabt: er war tatsächlich sehr fein geritten und das schien der alte Bär auch nicht vergessen zu haben, doch wir arbeiteten zu Anfang vor allem an der korrekten Ausführung der Doma Vaquera Lektionen. Die kannte er zwar alle, war aber genauso schlaksig in der Ausführung, wie man es von einem Pferd erwarten konnte, das sein Brot mit der "Show" und nicht dem Turnier verdiente. Es dauerte eine Weile, aber wir bekamen das hin. Unser erster längerer Ritt auf dem Campo, zum Viehtrieb auf die nächste Area, offenbarte, welche Möglichkeiten dieser Hengst bot: es ist Cowsense auf vier Hufen. Man hätte einen völligen Anfänger auf seinen Rücken setzen können und dieser Hengst hätte es aussehen lassen können, als säße ein Weltmeister darauf. Er arbeitet nicht nur mit den Rindern, er spielt mit ihnen. Es war eine wahre Wonne, mit dem Hengst wirklich praktisch auf dem Campo zu arbeiten und damit hatte ich für mich auch besiegelt, in welche Richtung wir weiter gehen wollten.

Javi war zu Anfang ein wenig skeptisch, schaute sich aber schließlich an, wie Veno sich in der Working Equitation schlagen könnte. Ja, die Dressur würde auf ewig ein Schwachpunkt sein, aber im Stil- und vor allem Speedtrail hätte er die Möglichkeiten auf seiner Seite. Und dann gehörte da ja immer noch die Rinderarbeit zu. Die machte er fast von allein.

Zurück in der Gegenwart vergraben sich meine Finger gedankenverloren in der Mähne des Schimmels. "Weißt du eigentlich, dass ich das bestmögliche Zuhause für dich gefunden hab, Dicker?" Ein Lächeln tritt auf meine Lippen. Veno, das stand nun fest, würde mich mit nach Vesland begleiten. Sein neues Zuhause war zwar nicht das der Steubens, aber der Hof der Winters. Als ich Enéas in einem Gespräch von dem Hengst erzählt hatte, fiel der aus allen Wolken, kannte er Veno doch noch aus seinen Glanzzeiten und hatte damals immer gehofft, ihn einmal im Deckeinsatz zu erwischen, mit der Hoffnung, ein genauso intelligentes und arbeitseifriges Fohlen von ihm ergattern zu können. So dauerte es keine zwei Tage, bis Javi vor mir stand und mir mit undurchschaubarer Miene erklärte, Veno hätte einen Käufer gefunden. Nach anfänglichem Magengrummeln wich meine Skepsis purer Freude, als Enéas ein paar Tage später auf den Hof kam, um sich seinen neuen Begleiter, der bei den Vazaos eben auch in die Zucht gehen sollte, genauer anzusehen.

Nun weilt er wieder hier in Portugal und würde mich gleich erwarten, vermutlich leicht tadelnd den Kopf neigen, wie er es immer tut, wenn ich mal wieder über die Strenge schlage. Auf ewig der ehrgeizige, disziplinierte Reiter - in komplettem Kontrast zu mir, der chaotischen, im Moment lebendenden Antithese zu ihm. Und doch kann ich mir keinen besseren Trainer, keinen besseren Parter im und neben dem Sattel wünschen.

Natürlich steht er da, an das Hoftor gelehnt, gedankenverloren in die Ferne blickend, aus der ich mich ihm langsam annähere. Doch sein Blick zeigt keinen Stress, eher Konzentration auf das Gespräch, das er mit seinem Handy in der Hand hitzig führt. Als ich auf den Weg zum Tor biege, schwinge ich mich aus dem Sattel des Schimmels, stecke ihm eine kleine Leckerei zu und führe ihn die letzten Meter, wie ich es mit allen Pferden tat. Gleichsam schreiten wir zu Enéas, der in diesem Moment seufzt und die Augen zu verdrehen scheint.

"Das sieht nicht nach guten Neuigkeiten aus", bemerke ich zaghaft, während der schweigsame junge Mann dem Hengst eine Hand entgegenreckt, die der Schimmel neugierig untersucht. Enéas grummelt leise.
"Adriano bezweifelt, dass wir die Kapazitäten für einen weiteren Hengst haben", antwortet er schließlich und wirft einen Blick auf den Schimmel. "Das sagt er aber nur, weil er seit jeher mit Venos Reiter damals im Clinch liegt."
Ich stutze. "Was?"
"Ach, irgendeine alte Sache zwischen den beiden. Wahrscheinlich hat der eine dem anderen mal das Mädchen geklaut oder die Schleife auf der Feria oder was weiß ich."
"Und was heißt das jetzt für Veno?", hake ich vorsichtig nach, zu stolz auf den Fortschritt, den ich mit dem Hengst gemacht habe, als dass ich ihn einfach wieder in der Versenkung verschwinden lassen wollte.
"Ich weiß es noch nicht genau. Ich würde ihn gern kaufen, aber offiziell ist Adriano der Boss", er brummt einen Fluch, der nur teils an meine Ohren dringt.
"Manchmal könnt ihr zwei sehr sture Esel sein", bemerke ich und führe Veno zurück zu seiner Box, um ihn fertig für den Abend zu machen. Enéas bleibt nachdenklich zurück.

Die Bürste kreist wieder und wieder über das weiße Fell des Lusitanos, der sich voller Hingabe seinem Futtertrog widmet, der eigentlich schon nicht mehr viel hergeben kann.
"Wenn du so weitermachst, ist er da gleich glänzend und am Rest immer noch verschwitzt", reißt mich Javi aus meiner Gedankenverlorenheit.
"Hm", mache ich, bewege nun aber die Bürste über einen anderen Fleck des Fells, das tatsächlich noch großteils unberührt und leicht von Schweiß gezeichnet ist.
"Enéas spricht mit Adriano", setzt Javi erneut an und ich nicke.
"Männer können so blöd sein", rutscht es mir schließlich heraus und ich funkele Javi wütend an. Er hebt abwehrend die Arme.
"Heyhey, ich hab dir nichts getan und wenn ich könnte würde ich Veno hier behalten", beschwichtigt er wenig erfolgreich während ich mich wieder der Fellpflege widme. "Ich kenne Adriano ... der kriegt sich schneller ein, als du 'Decktaxe' sagen kannst, sobald er den erst einmal gesehen hat."
Ich schnaube verächtlich. "Sturköpfe! Esel! Allesamt." Veno schaute irritiert zu mir, reckt mir die gräuliche Nase entgegen und ich spüre die samtenen Lippen auf meiner Hand nach etwas suchen, das wohl meine stoische Ruhe sein konnte. Ein leises Seufzen entfährt mir.
"Zeig mit ihm, was er kann. Adriano kann einem guten und vor allem gut gerittenen Pferd nicht widerstehen, da kommt nicht einmal sein Stolz gegen an", setzt Javi erneut an und bringt mich zum Grübeln.
"Du meinst also, wir sollen Veno nach Vesland schiffen und hoffen, dass Adriano seine Meinung ändert, sobald er ihn sieht?", ich starre ihm ungläubig entgegen. So naiv kann er doch nicht sein.
"Nein. Ja. Fast", Javi reckt seine Hände nach oben, als verzweifele er an nicht nur einem, sondern nun zwei Sturköpfen. "Sollte - ", bedeutungsschwanger legt er eine Pause des Zweifels ein. "Sollte Adriano wirklich nicht überzeugt sein, würden wir ihn bei dir ihn Beritt geben. Dann hat er Zeit, sich das zu überlegen."
Ungläubig klappt mir die Kinnlade herunter. "Ihr wollt mir Veno mitgeben? Und wenn Adriano will, kriegt er ihn und wenn nicht, was dann?"
"Dann ...", er zögerte. "Dann hat der Chef nichts dagegen, wenn du ihn für uns vorstellst und er sich in Vesland einen Namen machen kann."

Ich bin skeptisch. Anders kann ich es nicht beschreiben. Gewinne oder verliere ich bei diesem Deal? Gewinnt Veno? Das ist schließlich das einzige, das zählt. Ich gebe zu, dass mich die Herausforderung reizt, mit ihm wirklich die hohen Klassen in der Working Equitation zu erklimmen, die Zlatan wegen der Dressur verwehrt bleiben, auch wenn er den Rest gut meistern kann. Aber ... ein drittes Pferd? Nun ja, im Optimalfall erkennt Adriano nun mal, was für ein Juwel wir da ausgegraben haben. Aber für ihn ist der Stolz ein großes Ding, würde er da wirklich stolpern, die Stuten, die wir hier ausgewählt hatten willkommen heißen aber einen Hengst wie Veno zurückweisen?
Ich weiß absolut nicht, was ich davon halten soll. Aber auch für mich, bot das eine Chance. Ich habe gerade erst meine Ausbildung beendet, einen Namen muss ich mir erst einmal schaffen und da wäre es vielleicht nicht schlecht, mein Meisterstück - sozusagen - tatsächlich mit nach Vesland zu nehmen. Ich seufze und streiche dem Schimmel den Schopf aus der Stirn. "Hm, großer Weißer, was machen wir denn?"

Ich schlafe schlecht in dieser Nacht. Zu viel beschäftigt mich und hält meinen Kopf beschäftigt, sodass es schließlich noch vor Sonnenaufgang ist, als ich mich zu den Pferden in den Stall schleiche. Leise brummelnd begrüßen mich die Vierbeiner, ich sehe Icos Kopf am Ende der Stallgasse neugierig aufblitzen, wie immer Stroh im Schopf. Dahinter Zlatan, der einen mit seinen ruhigen Augen stets taxiert und dennoch eine Wärme ausstrahlt, die man sich kaum vorstellen kann. Und da hinter steht ein Schimmel, weiß wie der Schnee, der leise brummelt. Was mach ich mir denn vor - als könnte ich dieses Juwel hier lassen.


zuletzt bearbeitet 24.07.2018 23:49 | nach oben springen

#2

RE: [ARI] #5 | Meisterstück im Schimmelkleid

in Leonie 25.07.2018 07:33
von stogadis • 92 Beiträge | 128 Punkte

Oooh, unfassbar schön geschrieben <3 Ein sehr toller Bericht. Ich bin sehr gespannt auf Venos Zukunft! Kommt er jetzt erstmal zu uns auf den Hof?

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#3

RE: [ARI] #5 | Meisterstück im Schimmelkleid

in Leonie 25.07.2018 08:31
von Leila • 101 Beiträge | 173 Punkte

Das klingt ziemlich interessant, was Ari da zwischenzeitlich gemacht hat. Ich bin gespannt, wie die Entscheidungen für ihn fallen!


zuletzt bearbeitet 25.07.2018 08:31 | nach oben springen

#4

RE: [ARI] #5 | Meisterstück im Schimmelkleid

in Leonie 26.07.2018 11:37
von Leonie • 146 Beiträge | 236 Punkte

oh stoga <3 das freut mich :) mir hats auch irgendwie sehr viel Spaß gemacht, mal teils im Präsens zu schreiben, das mach ich sonst nie :D
Ob Veno nach Steuben kommt, da bin ich mir noch nicht sicher. Für mich bot sich so die Möglichkeit, zu erklären, woher ein altbekanntes Pferd (Veno war mal mein Privatpferd auf Larando vor ewigen Zeiten) plötzlich wiederkommt und der bietet eigentlich die gute Mische um Winter frisches Blut zu bringen. Aktuell ist der Gedanke, dass er zwar den Vazaos gehört, ihn aber von Ariadna eine Weile vorstellen zu lassen. Mal schauen, ob ich ihn dann irgendwann komplett zu Winter schicke. Da bin ich mir noch nicht ganz sicher. :D

Hihi, Leila, das hatte ich schon länger vor und die Turnierpause von Ari und ihren beiden lieferte mir dann einen passenden Zeitpunkt :D

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#5

RE: [ARI] #5 | Meisterstück im Schimmelkleid

in Leonie 26.07.2018 18:05
von Darcy • 114 Beiträge | 160 Punkte

oh wie schön. Das hört sich nach einer tollen Geschichte an.

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