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  • Raffi #08 - Armes, krankes Pferd!Datum11.03.2022 19:31
    Thema von Leila im Forum Leila

    Mein letzter Moorwiesenbericht, Esme hatte sich schicksalsmäßig was eingefangen. Er spielt im Frühling 2021.


    Es war so einer dieser Tage, an denen man nach dem langen nasskalten Winter endlich wieder Hoffnung auf Frühling und vielleicht sogar Sommer haben durfte. Die Regengebiete der letzten Tage hatten sich nun scheinbar endgültig verzogen und als Raffi morgens aus dem Fenster schaute, sah sie, dass die ersten Tulpen im Garten endgültig Farbe zu bekennen begannen. Schon vorher hatten dort die Osterglocken die Krokusse abgelöst, aber im Regen der vergangenen Wochen hatten sie nur kurz einen großen Auftritt gehabt.
    Aufmerksam geworden durch die Bewegung am Fenster hüpfte Nero zwischen den Blumen hervor und kam durch den Garten zur Terassentür getrottet. Es hatte eine Weile gebraucht, bis beide Kater und auch Raffi sich an den Freigang gewöhnt hatten. Tagsüber ließ sie die Kater raus und rein, wenn sie sie vor der Tür sah. Für die Nacht hatten sie eine Katzenklappe im Keller und einen Schlafplatz, aber keinen Zugang zur Wohnung. Wer lieber in der Wohnung bleiben wollte, blieb halt über Nacht drinnen, wer abends noch draußen jagen ging, musste im Keller schlafen. Nero nutzte diese Möglichkeit sehr gerne mit der Folge, dass Raffi morgens inzwischen häufiger Geschenke bekam. Er war schon immer der unabhängigere von beiden gewesen, während Fuchur Gesellschaft genoss und drinnen ebenso glücklich war wie draußen. Er war auch längst kein so geschickter Jäger wie sein bester Kumpel. Er brachte aber gerne seine Schätze mit: Blätter, Tannenzapfen und hin und wieder erwischte auch er mal eine Maus.

    Letzte Woche hatte Raffi zusammen mit ihrem Vater den beiden Katern Wandregale angebracht und dabei die volle Höhe des Altbaus genutzt. Völlig überraschend waren sie dabei hinter einem Schrank auf eine Klappe in der Wand gestoßen.
    "Ach das", lachte Clara, als Raffi davon erzählte, "Ich hätte nicht gedacht, dass du den Wäscheschacht noch nicht kennst"
    Und so hatte Raffi erfahren, dass die alte Villa über mehrere Wäsche- und Müllschächte verfügte (auch letztere waren nur für Wäsche genutzt worden). Für Clara waren sie in all den Jahren so selbstverständlich geworden, dass sie sie nie erwähnt hatte.
    "Und ich hab meine Wäsche immer artig in den Keller getragen", echauffierte Raffi sich.
    "Nunja, da hättest du dir Arbeit ersparen können. Deiner ist übrigens auch der einzige, der im Wäschekeller herauskommt. Basierend auf den Ausgängen sind auch die Kellerabteile zugeteilt", berichtete Clara.
    Sie gingen zusammen runter und Clara zeigte ihr, wo sie die Wäsche abholen konnte und auch wo sie ihre eigene immer einsammelte.
    "Hat das Haus noch mehr so Geheimnisse?", fragte Raffi.
    "Nunja, Geheimnisse würde ich sie jetzt nicht nennen", beschwichtigte Clara, "Ich bin mir nicht sicher, ob ich tatsächlich alles schon kenne hier in diesem Haus. Ich hätte irgendwo noch die Bauunterlagen, dann könnte da jemand mit Ahnung auch volle Klarheit draus ziehen, aber..." Sie stockte kurz und kicherte. "Aber das wäre ja ziemlich langweilig!"
    Der Schrank stand jetzt einen Meter weiter rechts und der Wäscheschacht erfreute sich zunehmender Nutzung. Zuerst hatte Raffi allerdings zwei alte Bettlaken mehrfach hindurch geworfen und und damit den Staub und die Spinnweben im Schacht zumindest etwas entfernt.

    Fuchur jedenfalls räkelte sich auf dem Bett, als Raffi aufstand. Das lange, rote Fell war zerzaust und der Kater mutete noch recht schlaftrunken an.
    "Ich muss eben deinen Kumpel reinlassen", entschuldigte sich Raffi und öffnete Nero die Tür zur Terasse. Heute kam er glücklicherweise ohne Geschenk.
    Wenig später hockten die Kater glücklich vor den Näpfen und Raffi mit einer Tasse Kaffee am Tisch - weniger glücklich, aber sie war noch nie ein Morgenmensch gewesen. Die Aussicht auf diesen Dienstag war nicht so grandios. Aktuell hatte sie keine Ideen für eigene Artikel und recherchierte nur bei anderen Kollegen mit. Sie hatte zwei Artikel Korrektur gelesen und einen Gastbeitrag im Historikum betreut, jetzt fehlte wieder eine Aufgabe.
    Als sie im Büro ankam, nahm sie sich Zeit, sich mit Kollegen auszutauschen und ihre Termine zu pflegen. Als sie wieder an ihrem Schreibtisch ankam, klopfte kurz daraufhin Nina Reitling an die Tür. Nach dem Bewerbungsgespräch waren die beiden schnell zum Du gewechselt, gingen regelmäßig zusammen Mittagessen und tauschten sich auch schon mal über Themen aus den Privatalltag aus.
    "Hey, warum so betrübt?", fragte Nina.
    "Ach ich hab grade nicht so richtig Ideen, was ich als nächstes machen kann. Der Gastbeitrag über das Regattafest ist ja seit gestern unter Dach und Fach und Tom braucht auch grade keine Hilfe bei der Recherche und da bleibt mir heute fast nur Ideen jonglieren oder Aufgaben vom Brett vorne", erklärte sie.
    Am Brett konnte jeder Kleinigkeiten an Aufgaben vergeben: Recherchen zu Artikeln, Betreuung von Gastbeiträgen, Inseratsverwaltung oder Interviews zu neuen Ausstellungen im Stadtmuseum waren so das häufigste.
    "Ach, das ist ja doof. Also nicht, dass du nicht bei den Brett-Aufgaben auch tolle Leistungen bringe würdest, im Gegenteil! Deine Sicht auf Die Hofentwicklung in Heidewald hat mir echt weitergeholfen!", lobte Nina, "Aber ich verstehe, dass du mal wieder was eigenes machen möchtest."
    Sie plauderten über Dies und Jenes und endlich rückte Nina mit der Sprache raus. Raffi hatte schon gesehen, dass sie irgendwas loswerden wollte.
    "Es geistert eine Idee für einen Artikel herum, aber da traut sich keiner so richtig dran", erzählte Nina.
    "Was hält die Leute davon ab?", fragte Raffi.
    "Es ist ein sensibles Thema. Vor ein paar Jahren hat ein Kollege, der nicht mehr hier ist, es mal versucht und scheinbar war er nicht besonders einfühlsam, was die Recherche anging"
    "Oh, welches Theman ist es?"
    "Es gab hier in Rabenitz im Mittelalter Walfang. Hätte ich es rechtzeitig erfahren, hätte ich ihm sagen können, dass Recherchen zum Walfang während des Skandals um den Marinepark keine gute Idee sind. Nunja, das Stadtmuseum hat vielleicht ein bisschen was dazu, ich vermute aber, dass du im Stadtarchiv eher fündig wirst. Und die Leute vom Marine Education and Rescue Center sind sicher eine gute Anlaufstelle für den Anfang"

    Raffi bedankte sich und begann zu telefonieren. Am MERC gab es tatsächlich jemanden, der was über die Historie von Walen in Rabenitz erzählen konnte und ein Mittagessen vorschlug. Im Stadtmuseum hielt man sich bedeckt, aber man hatte "ein paar" Ausstellungsstücke, ging aber auf die Frage nicht weiter ein und im Stadtarchiv wollte man schauen, was sich machen ließe. Raffi empfahl sich und gab ihre dienstliche Handynummer durch, sodass man sie erreichen konnte. Dann stürzte sie sich in die Recherne zu Walfang und Walvokommen allgemein.
    Vor den Küsten Veslands hatte es immer verschiedene Walarten gegeben, allerdings waren es eher kleine Vertreter. Die großen Wale zogen auf ihren jährlichen Wanderungen nur selten vorbei. Tümmler hingegen konnten immer wieder beobachtet werden. Sie fand Hinweise darauf, dass Grenhyll ursprünglich bei Robben und damit auch bei Orcas beliebt gewesen war, ehe die Menschen die Insel verwüstet hatten. Heute gab es dort ein Wiederansiedlungsprogramm, auch in Zusammenarbeit mit dem MERC. Sie entschied sich, dass es hilfreich sein konnte, auch ein bisschen was über Robben einzubauen und machte einen Zettel für das Brett fertig, die Recherche dazu konnte jemand anders mal an ein bis zwei Tagen machen und den Kasten entwerfen. Gegen viertel vor 12 hatte sie die ersten Ideen soweit sortiert, dass sie einen Ordner anlegte, alles ordendlich abheftete und sich auf den Weg in die Mittagspause machte.

    Dr. Roland Meier war Mitte 40, sah aus wie ein gut gealterter Surfer und hatte in Marinebiologie mit Schwerpunkt auf - Überraschung - Auswilderung kleiner Tümmler seine Forschung spezialisiert. Er hatte am Aufbau des MERC mitgewirkt, um die Tiere Menschen auf eine andere Weise näher zu bringen. Er erzählte viel darüber, wie das MERC nach anfänglich holperigem Start inzwischen international Anerkennung für das Auswilderungsprogramm bekam und mit diversen Universitäten und Forschungseinrichtungen kooperierte. Als die Teller abgeräumt worden waren und Kaffee vor ihnen stand, schnitt Raffi vorsichtig das eigene Thema an.
    "Nunja, Sie müssen verstehen, dass man das alles in einen anderen Kontext bringen muss", begann er und erzählt von kulturellen Sichtweisen und anderen Faktoren, die Walfang attraktiv machten. Offensichtlich war ihm das Thema unangenehm und er wollte deutlich machen, dass er und seine Kollegen und auch sonst niemand heutzutage Walfang befürwortete. Raffi ließ ihn reden. Es ging ihr nicht um Schuld oder Unschuld. Natürlich waren die Vorraussetzungen vor 300 Jahren noch andere gewesen, das brauchte er ihr als Historikerin nicht erzählen. Sie hatte jedoch die Erfahrung gemacht, dass Menschen flüssiger erzählten, wenn man ihnen die paar Minuten vorweg gab.
    Auch bei dem Artikel über die Heide war das so gewesen: Ja, die Menschen hatten Raubbau an der Natur begangen. All das, was heute mit viel Sorgfalt gepflegt wurde, wäre ohne diesen nicht entstanden. Das änderte nichts mehr an der Tatsache, dass es war, wie es eben war. Auch Grenhyll, schön wie es war, war das Ergebnis von Raubbau. Mal war dieser getrieben von wirtschaftlicher Notwendigkeit, mal von schierer Gier.
    Am Ende des Mittagessens wusste Raffi, dass es damals kleinere Walarten in Überfluss gegeben hatte. Den Menschen war es nicht wirklich möglich gewesen mit den beschränkten Möglichkeiten wirkliche Lücken zu hinterlassen. Das hatte erst mit der Industrialisierung eingesetzt und auch Veslands Walfang hatte damals ein Extrem erreicht. Rabenitz als südöstlichste Hafenstadt war ein Schwerpunkt gewesen und der Dreh- und Angelpunkt war eben jene Hafenanlage, die nach langem Leerstand später dem Marinepark Platz machte. Herr Dr. Meier gab ihr einen schönen Rahmen, eine gute Geschichte mit dem glücklichen Ausgang, dass Rabenitz heute eben auch der Ort war, an dem am meisten für den Schutz der Meeressäuger getan wurde. Sie bedankte sich für die Informationen und sicherte sich noch Antworten auf Rückfragen, falls diese in der Recherche auftreten sollten.
    Vom Stadtarchiv hoffte sie Zahlen zu bekommen, vom Museum vielleicht Kunstwerke, die auf die damalige Zeit und die mit ihr einhergehende Selbstverständlichkeit oder gar Glorifizierung des Walfangs dokumentierten. Für einen ersten Tag Recherche war das keine schlechte Ausbeute und so packte sie nachmittags zufrieden zusammen und fuhr nach Hause.

    Den beiden Katern war natürlich überhaupt nicht recht, dass sie den ganzen Tag unterwegs gewesen war und grade Fuchur nahm sie erst einmal in Beschlag. Sie nahm sich die Zeit, dem roten Kater das Fell zu kämmen, denn mit den langen Zauseln kam er gerne mal nicht so gut zurecht, gerade im Fellwechsel. Nero fand auch, dass kämmen ja eigentlich gut war und so half sie ihm auch beim Abwerfen des Winterfells.
    Die beiden ließen sie im Anschluss doch nur ungerne gehen. Nero begleitete sie noch zum Auto und schaute dann hinterher. Er würde jetzt wieder im Garten herumstromern und am Ende beim Erkunden im Keller jede Menge Staub finden. Es gab einfach zu viele Kellerräume alsdass er schon überall durch war.

    Am Stall angekommen, kam ihr Magrit schon auf dem Parkplatz entgegen.
    "Was ist passiert, dass du mich schon auf dem Parkplatz abfängst?", fragte Raffi lachend, während sie ihre Sachen aus dem Auto nahm.
    "Esme hustet schon den ganzen Tag etwas", berichtete Marit, "Es kann sein, dass das Heu einfach ein bisschen blöde ist heute. Allerdings hatten gestern die Leute für den Stallbau wieder auf dem Gelände zu tun und da standen im Regen so einige Pferde glotzig auf ihren Paddocks herum. Ich hab die Decke schon aufgehängt und ihr übergangsweise eine andere angezogen"
    "Oh, das ist lieb von dir. Ich schaue gleich mal nach ihr", bedankte Raffi sich und ging direkt los zu ihrem Pferd.
    Seit dem Lehrgang war es bei beiden bergauf gegangen und auch eine Springstunde zur Ablenkung zwischenzeitlich hatte tatsächlich was gebracht. Seitdem baute Raffi häufiger Stangen, Cavaletti oder Mini-Hüpfer ein. Esme hatte zwar nicht sonderlich viel Talent, hatte aber Freude an der Abwechslung im Training. Heute allerdings nicht. Heute blitzen ihr die Augen nicht aus der Box entgegen. Schaute Esme ihr neugierig entgegen, aber das wache Glänzen fehlte vollkommen.
    "Ach armes Mädchen, hast du dir was eingefangen?", fragte Raffi und betragt die Box.
    Die Abschwitzdecke war sauber und trocken, kein Schweiß lag oben auf. Sie fühlte sich auch nicht wärmer an, aber als sie hustete, wusste Raffi, was Magrit gemeint hatte. Raffi wischte ihrer Stute die Nüstern wieder sauber und kraulte sie hinterm Ohr.
    "Ich schaue mal, was ich für dich finde", versprach sie.
    Im Spind fand sich noch Kräutermischung für unbestimmte Erkältungssymptome, die man am besten in Mash packte. Also schnappte sie sich einen Wasserkocher und rührte ihrer Stute eine Portion zusammen. Während das Mash zog, putzte sie einmal über und kümmerte sich um die Hufe. Esme war etwas matt und reagierte etwas langsamer. Sie nahm einmal die Temperatur und stellte fest, dass die ganz leicht erhöht war. Der Große Pferdekörper arbeitete eben daran, das aus sich herauszubekommen.
    Weil das Mash nur lagsam Temperatur abbaute, holte sie die Stute kurzerhand aus der Box und drehte mit ihr ein paar Runden über den Hof. Bewegung half beim Abhusten und Esme hustete hin und wieder mal. Wieder in der Box nahm sie unmotiviert ein paar Heuhalme und trank Wasser. Immerhin das klappte. Auch das Leckerlie verschmähte sie nicht, im Gegenteil, da war ganz kurz das Leuchten. Immerhin war es nicht so schlimm.
    Auch Mash konnte die große Braune locken und als hätte sie den ganzen Tag noch nichts gehabt, inhalierte die Stute die Mischung in kurzer Zeit. Danach wirkte sie immerhin etwas munterer.
    "Du musst auch was Essen, sonst kann es nicht besser werden so ohne Energie", schimpfte Raffi und tippte einmal das Heunetz an.
    Als wollte sie sagen "Ok, Mama" machte Esme sich einmal lang und zog noch ein paar Halme aus dem Netz.
    "Werd wieder gesund, mein Mädchen!", forderte sie auf, während sie vor der Box fegte und dann ihre Sachen holen ging.

    Magrit öffnete auf ihr Klingeln die Tür.
    "Es ist wohl nicht das Heu. Ich hab ihr was gegeben und sie hat auch gefressen und getrunken. Zuletzt wirkte sie etwas munterer und ich hab in das Futter für heute Abend und morgen früh auch noch Kräuter gemischt. Kannst du mir schreiben, wenn sie morgen noch immer hustet? Dann schreibe ich Domenik direkt an und lasse ihn drauf gucken", erzählte Raffi.
    "Überhaupt kein Problem, dafür sind wir ja da", beruhigte Magrit sie.
    "Danke dir! Habt noch einen schönen Abend. Ich fahr jetzt mal wieder", verabschiedete Raffi sich.
    Magrit winkte ihr noch und schloss dann die Tür.
    Hoffentlich hat sich das schnell erledigt, dachte Raffi bei sich.
    Ein krankes Pferd war nie gut. Ein längerfristig krankes Pferd war noch weniger gut. Bislang hatte Esme sich durch eine gute Konstitution ausgezeichnet und war selten krank. Hoffentlich blieb das auch weiterhin so.

  • Thema von Leila im Forum Leila

    Ein bisschen Esme-Alltag kurz vor Weihnachten 2020.


    Regen. Regenregenregen. Regen und nochmal Regen!
    Nunja, sie hatte gewusst, worauf sie sich einließ, als sie nach Rabenitz gezogen war, denn der Ort war für sein Wetter bekannt. Nur selten gab es weiße Weihnachten, meist waren sie grau, häufig nass dabei. Noch vier Tage bis Heiligabend und heute Abend ging der Einkaufsmarathon los. Maria hatte Raffi zu Heiligabend eingeladen, am ersten Weihnachtsfeiertag wollte die ganze Familie zu ihr kommen, denn im Wohnzimmer stand endlich der Esstisch, der in der Lieferung lange gebraucht hatte.
    An ihrem letzten Arbeitstag vor Ort (kommende Woche waren zwei Tage Home Office und einer Urlaub angesagt) würde sie auch gar nicht im Büro sein, sondern zur Gravitzer Heide fahren. Sie war im Heidezentrum verabredet, um noch ein paar Infos zu bekommen, die sie in ihrem Artikel verarbeiten wollte. Das Historikum wollte ihren Artikel zur Entstehung der Gravitzer Heide umsetzen und neben den natürlichen Faktoren sollte auch das Gesellschaftliche ins Auge gefasst werden. Heute ging es im ersten Anlauf um die natürliche beziehungsweise eben nicht natürliche Entstehung der Heide gehen. Dafür hatte das Heidezentrum eine wunderbare Ausstellung zusammengebaut und deren Kuratorin wollte sie heute hindurch begleiten. Der kulturell-gesellschaftliche Part sollte dann im Januar ausgearbeitet werden.
    Bevor sie jedoch in die Heide aufbrechen konnte, musste sie im Büro vorbei, denn sie hatte den mühsam ausgearbeiteten Interviewbogen dort vergessen - sehr praktisch! Und bevor sie aufbrach, musste sie noch die beiden plüschigen Monster besänftigen, die der Wohnung ihr Bewegungsprogramm auslebten. Beide hatten keine Lust, draußen zu toben.

    Eine Weile später waren die Katzen vorerst ausgelastet, die Gummistiefel im Kofferraum (nur zur Vorsicht) und sie auf dem Weg ins Büro. Wie erwartet, lag der Zettel offen auf ihrem Schreibtisch. Die Straße in die Heide war gottseidank frei, der Weg in einer halben Stunde zurückgelegt und vor dem Heidezentrum wurde sie schon erwartet.
    Der Rundgang war wirklich gut aufgemacht und das Museum sprach nicht nur Erwachsene an, er war auch kindgerecht gestaltet. Während ihres Rundgangs tobte auch eine Grundschulklasse um sie herum, die von einer jungen Frau im freiwilligen ökologischen Jahr geduldig herumgeführt wurde.
    Gegen Mittag waren sie fertig, Raffi um ein gutes Stück klüger und hungrig genug, um im angeschlossenen Restaurant ein Mittagsangebot wahrzunehmen. Bei dem Wetter war der Eintopf genau das richtige und sie musste nicht unterwegs noch irgendwo etwas holen. Zurück im Büro brachte sie ihre Notizen in Ordnung und in den PC, ehe sie die Woche für beendet erklärte.
    Auf dem Weg nach Hause hielt sie an und erledigte ausstehende Einkäufe, dann brauchten ihre beiden Tiger wieder Aufmerksamkeit. Als die beiden wieder entspannt in der Wohnung lagen, schmiss sich Raffi in die Reitsachen, denn Esme wollte heute auch noch beschäftigt werden.
    Im Eingangsbereich kam ihr Johannes entgegen, der für Clara einige Einkäufe in die Wohnung trug.
    "Braucht ihr noch Hilfe?", bot sich Raffi an.
    Johannes drückte ihr die Tüten in die Hand.
    "Hier, dann kann ich die Wasserkästen holen", erklärte er und Raffi brachte die Taschen zu Clara, die ganz aus dem Häuschen war von so viel Hilfsbereitschaft ihrer jüngeren Mitbewohner.
    "Wie feierst du Weihnachten?", fragte Clara sie und Raffi erklärte ihre Pläne und kündigte Besuch am ersten Weihnachsfeiertag an.
    "Oh wie schön, so mit der Familie!", freute Clara sich, "Ich treffe mich am ersten Weihnachtsfeiertag immer mit meinen Mädels. Also zumindest mit denen, die nicht mit ihrer Familie unterwegs sind. Dieses Jahr sind wir bei Elisabeth"
    Raffi wusste inzwischen, dass Clara und Elisabeth sich von klein auf kannten und ihr die Freundin sehr am Herzen lag. Elisabeth war ebenfalls verwitwet und hatte einen Sohn, den sie zu Heiligabend besuchte. Sie war eine ebenso lebenslustige Frau wie Clara und die paar Male, die sie sie schon gesehen hatte, hatte sie einen sehr sypatischen Eindruck bekommen.
    Als alle Einkäufe verräumt und die Getränkekisten abgestellt waren, bedankte Clara sich bei beiden.
    "Wie wäre es, wenn wir am zweiten Weihnachtsfeiertag zusammen Kaffee trinken?", schlug sie dann vor.
    Tatsächlich hatten beide für den zweiten Tag nichts vor und verabredeten sich für Kaffee und Kuchen. Das Angebot, etwas mit vorzubereiten schlug Clara aus. Sie bewirtete gerne Gäste, wie Raffi festgestellt hatte.
    "Jetzt aber raus mit dir, ein Pferdchen wartet sicher schon sehnsüchtig auf dich!", komandierte Clara und schickte sie raus in den Regen.

    Auf der Fahrt stellte sie erneut fest, wie trist dieser Tag war: Es wurde nicht richtig hell und dann wurde es auch früh wieder dunkel. Lediglich die festliche Beleuchtung brachte Lichtstreif und die Aussicht auf Weihnachten erhellte die Gemüter. So war auch Raffi guter Dinge, obwohl sie sonst so stimmungsanfällig auf Regenwetter war.
    Am Hof war mehr los als sonst, es standen zwei größere Wagen auf dem Parkplatz, die bei flüchtigem Blick in Raffi die Frage weckten, ob da aktuell Tierarzt und Hufschmied gleichermaßen am Hof waren, denn im schwindenden Licht sah die nur gefüllte Hecks und keinerlei Aufschriften.
    "Nimm noch mal den ersten Anschluss mit und wenn alles passt können wir bei dem Sauwetter heute endlich einpacken", hörte sie einen Ruf von der anderen Seite des einen Wagens. Sekunden später sprang ihr auch schon neonfarbene Warnkleidung ins Auge. Sie grüßte mit kurzem Nicken und beeilte sich ins Stübchen zu kommen. In dessen Tür stieß sie mit Marit zusammen.
    "Sind die jetzt endlich fertig?", fragte diese eher sich selbst als Raffi, begrüßte sie dann und trat einen Schritt zur Seite, damit Raffi nicht im Regen stehen bleiben musste.
    "Wer sind die und was machen sie hier?", fragte Raffi die Chefin.
    "Ach mit dem Umbau.. Da fehlte noch eine Genehmigung für die Verlegung des Reitplatzes und für Genehmigungen braucht man immer Pläne und deswegen sind die Vermesser da und nehmen alles wichtige auf. Ich glaube, für die ist das auch der letzte Auftrag vor Weihnachten und die wollten mit den Messachen unbedingt durch kommen und auch für uns war es günstiger, die heute fertig machen zu lassen statt nächster Woche noch mal die Anfahrt zu zahlen", erklärte Marit.
    "Bei dem Wetter sieht man garantiert viel", kommentierte Raffi.
    "Ja, wahrscheinlich nicht, aber die sagten, das wäre schon kein Problem. Ich hab sie zwischenzeitlich echt fluchen gehört. War wohl doch ein Problem"
    "Aber andere Frage: Gibst du heute noch Stunden oder ist die Halle frei?", fragte Raffi.
    "Ne, für heute hat sich niemand mehr gemeldet, Halle ist also so frei, wie sie bei dem Wetter mit der Anzahl Einsteller sein kann", antwortete Marit.
    "Anders gesagt, du garantierst für nichts?" "Ich garantiere für nichts!"
    In der Stallgasse fiel die leere Box von Fairy weiterhin auf. Am Dienstag war die Nachricht herum gegangen, dass Will seine geliebte Stute hatte gehen lassen müssen. Mit ihren über 30 Jahren und den grauen Haaren hatte sie immer eine friedliche Ausstrahlung gehabt, wenn der Kopf dann aus der Box lughte und sie zuschaute, während man andere Pferde versorgte. Esme begrüßte ihre Besitzerin mit einem Maul voll Heu. Offensichtlich hatte sie wieder mal mit dem Heunetz gespielt, denn sie hatte die langen Halme überall um den Kopf herum baumeln.
    "Hast du dich wieder für mich hübsch gemacht?", fragte Raffi und zupfte ein paar Heuhalme von den Ohren ihrer dunkelbraunen Stute.
    Als sie wenig später mit Putzzeug, Sattel und Trense aus der Sattelkammer zurückkehrte, hatte Esme sich aufs Neue geschmückt. So blieb ihr nicht anderes, als die Stute aus der Box zu holen und eben noch einmal alle Dekohalme aus dem Langhaar zu zupfen, ehe sie die Decke abnahm und kurz überbürstete. Bei dem Wetter waren die Pferde heute drinnen geblieben. Esme hatte zwar einen Paddock, aber ein schneller Blick verriet, dass sie auch keine Lust auf das Wetter gehabt hatte. Die Hufe ausgekratzt und einmal noch nach den Nüstern geschaut, dann konnte Raffi auch schon satteln, trensen und sich auf den Weg in die Halle machen, in der gerade Maja Sommer ihren Chopin trocken ritt.
    "Was ein Glück du hast!", rief sie, "Ich bin grade fertig! Aber als ich angefangen habe, waren wir hier noch zu viert"
    "An Tagen wie heute muss man halt manchmal Glück haben", erwiderte Raffi.
    Sie führte Esme eine Runde, stellte dann auf und gurtete nach, ehe sie sich über die Aufstiegshilfe in den Sattel schwang. Schon in den ersten Schritten merkte sie, dass Esme den Tag nur gestanden hatte. Es würde eine Weile brauchen, ehe man ernsthafter arbeiten konnte, so viel stand fest.
    Es dauerte eine ganze Weile, ehe die Stute zwischen vielen Bögen, einigen Runden Galopp, viele Galopp-Trab-Wechseln und ersten Seitengängen langsam Konzentration aufbaute, auch mehr als nur Geradeaus zu geben. Für gewöhnlich halt ein Ausritt an so hitzigeren Tagen besser, bei dem Dreckwetter war das aber keine Alternative. Raffi fragte einzelne Traversalen, Halt-Galopp-Übergänge und einzelne Galoppwechsel ab, ehe sie sich mal wieder an eine Aufgabe wagte, an der die beidne schon länger arbeiteten: Galoppwechsel.
    Im einzelnen waren die nie ein Problem. Raffi saß sie, Esme sprang sie sauber und konzentriert. Sobald es aber Galoppwechsel über die Diagonale werden sollten, eine Lektion, die ab Klasse S verlangt wurde, ging es daneben. Alle sechs Sprünge klappte noch, doch in S waren sie alle 4 und später sogar durchgehend fliegend gefragt. Irgendwo blockierte noch etwas, was Raffi das Zählen unmöglich machte oder aber das korrekte Sitzen oder wasauchimmer es war, was da nicht klappte. Marit sagte in den Stunden immer, sie müsse die einzeln reiten und sauber darauf hin zählen. Raffi nahm sich also 5 Galoppsprünge vor, zählte diese ab und gab die Hilfen für den Wechsel. Esme sprang sauber um, Raffi zählte mit und Esme sprang bei 4 statt bei 5. Je verbissener Raffi es versuchte, desto gefälliger versuchte Esme, die Wechsel anzubieten und viel zu selten kam eine saubere Sequenz heraus. Auch heute wieder. Nach einer Weile versuchte sich Raffi dann an anderen Lektionen, aber der Galopp war blockiert - bei beiden!
    Frustriert fragte sie noch Traversalen ab (es fehlte Elan, Esme war über die Galopparbeit müde geworden) und beendete dann das Training. Als sie letztendlich die Abschwitzdecke um sich herum auf das Pferd drapierte, um noch einige Runden im Schritt zu reiten, stand Marit an der Bande.
    "Wieder nicht?", fragte sie mit traurigem Lächeln.
    "Das gleiche Problem, wie sonst auch immer. Ich steigere mich rein und am Ende habe ich dreckig gesprungene Wechsel auf jedem Galoppsprung. Immerhin war es nicht so schlimm wie am Montag"
    Da war der Höhepunkt der Katastrophen erreicht gewesen. Dabei konnte Esme das sogar! Kürzlich war Thilo Maus vom Reitstall Elwen hier gewesen, weil er in Rabenitz zu tun gehabt hatte und versprochen hatte, mal zu schauen. Unter ihm hatte Esme nach etwas Eingewöhnung spielend 4er, 3er und 2er-Wechsel gezeigt und hatte danach noch andere Lektionen spielend geliefert. Sie konnte natürlich nicht liefern wie ein versiertes Grand Prix Pferd, aber der Anspruch wurde an sie auch nicht gestellt.
    "Deine anderen Probleme haben ihre Wurzel auch in den Wechseln. Es liegt nicht an ihr, irgendwo bekommst du es nicht zueinander und das blockiert dich", war seine nüchterne Erkenntnis gewesen.
    Es tat weh zu hören, dass man selbst das Problem war. Aber was sollte er auch schön reden? Die Tatsachen lagen leider auf der Hand.
    "Ich habe leider keine Idee, wie genau ich dir helfen soll, aber ich habe vielleicht eine Lösung gefunden, die dir was bringen kann", erklärte Marit.
    "Was schlägst du mir vor?", fragte Raffi.
    "Im Februar wird beim Pferdesportzentrum Brachstein ein Dressurlehrgang angeboten für Reiter ab Klasse M. Er soll der Saisonvorbereitung dienen, aber ich bin sicher, dir kann er auch helfen. Arno Evangelista hält ihn und gibt zwei Einzellektionen über eine halbe Stunde. Es sollen explizit Probleme bearbeitet werden. Vielleicht hat er ja eine neue Herangehensweise für euch. Ich kann dir ja mal die Ankündigung weiterleiten", erzählte sie.
    "Das wäre ja eine Idee. Ich schaue es mir mal an. Danke Marit!"
    "Außerdem kannst du ihr ja mal eine Abwechslung gönnen. Wie wäre es, wenn ihr zusammen einfach mal eine Springstunde macht? Das würde euch auf andere Gedanken bringen", lachte Marit.
    "Dressurpferd uns Springen? Hallo? Da kann ja jeder kommen!", empörte sich Raffi spielerisch. Die Aussicht auf einen Lehrgang hatte ihre Laune erheblich gesteigert, "Nein, nur Spaß, ich werde es mir überlegen!"

    Als sie später die Stute wieder in ihre Box brachte und das Sattelzeug weghängte, überkam sie der Gedanke, dass ein bisschen Sicht von Außen und ein bisschen Abwechslung mal gut tun könnten, um Kraft für neue Aufgaben zu tanken. Sie war letztendlich genau deswegen vom Reitstall Elwen weg gegangen. Für sich und für Esme.

  • Raffi #06 - Einmal alles neuDatum11.03.2022 19:12
    Thema von Leila im Forum Leila

    Die etwas skurrile Geschichte davon, wie Raffi zu ihrer neuen Wohnung kam.


    Sie war dann tatsächlich nicht am nächsten, sondern "erst" am übernächsten Tag mit Esme umgesiedelt. Für die Stute war es einfach nur eine weitere Hängerfahrt und eine andere Box für die Nacht. Im letzten Jahr hatte sie damit wieder Routine bekommen, wenn Raffi mit Karin auf mehrtägigen Turnieren unterwegs gewesen war. Sie hatte zur einen Seite eine leere Box, auf der anderen Seite stand ein Schimmelwallach, dessen Besitzerin wie ein Fotomodell ausgesehen hätte, hätte sie sie nicht schon einmal mit einem Kleinkind im Arm getroffen. Gegenüber standen zwei Fuchsstuten und ein Dunkelbrauner, zwei davon waren ebenfalls Dressurpferde, das dritte ein Vielseitigkeitspferd und als Raffi mit ihrem Besitzer Pierre Luz in ein Gespräch gekommen war, hatte der gelacht und gesagt "Reitstall Elwen? Da hat Nane auch schon gestanden! Aber das war bevor ich sie gekauft habe."

    Insgesamt schien Esme sich nicht unwohl zu fühlen, doch nach drei Tagen hatte Raffi gemerkt, wie sie anhänglicher wurde. Das passierte bei längeren Turnieren mal und auch wenn Esme mit Pferden, Ställen oder Menschen nicht fremdelte, wusste Raffi ihre Anhänglichkeit als die Frage zu deuten, wann es denn nach Hause gehen würde. Sie sollte übergangsweise noch alleine auf einer Weide stehen und dann ab Mitte September mit auf die große Weide gehen, wo auch Nane, die andere Fuchsstute und noch ein paar andere Pferde aus ihrer Stallgasse mit in der Gruppe standen. Raffi wusste aus Erfahrung von den letzten beiden Stallwechseln, dass Esme ihre Zeit brauchte, ehe sie eine Box als ihre und den Aufenthalt nicht als Ausflug ansah. Es stresste sie jedoch nicht so sehr, wie das bei anderen Pferden gerne mal beobachtet wurde. Sie wusste, es würde langsam überstanden sein, wenn die Braune ihr Schmusebedürfnis wieder etwas zurückfuhr und sie war ihr nicht böse drum.

    Da sie eh noch bis Mitte September nicht arbeiten musste, fuhr Raffi täglich für mehrere Stunden zum Stall und ließ einfach mal die Seele baumeln. Esme war ihr die beste Gesellschaft und ein ums andere Mal hatte sie bei Maria vorbei geschaut, hatte sie beim Einkaufen unterstützt und auf ihre Nichte aufgepasst, die jetzt schon von fast nichts anderem brabbelte als ihrer Einschulung im folgenden Jahr - dabei war noch nicht mal Weihnachten gewesen! Sie hatte viel Zeit zu Hause mit den beiden Katern verbracht und hatte dabei festgestellt, wie eng die Wohnung doch werden konnte, wenn man nichts geplant hatte. Immer wieder hatte sie es bei schönem Wetter bereut, weder einen Balkon noch einen Garten zu haben und so hatte sie die Kater immer wieder mal zurück gelassen und hatte den Park besucht oder war Radfahren gegangen, um noch mehr in die Natur zu kommen. So schön es am Stall war, es war eben nicht vor der Haustür und für den Weg nach Moorwiesen musste sie sich dann doch täglich ins Auto setzen, denn 30km waren mit dem Rad nicht ohne weiteres machbar. Sie hatte sich am Anfang ausgemalt, dass das gut passte, wenn sie eh täglich in Rabenitz war. Dann hatte sie jedoch auch wieder mit Frau Reitling telefoniert, die mit ihr abklären wollte, ob sie Home-Office in Anspruch nehmen wollte, da man dabei war, ihre Arbeitsmaterialien und in dem Zusammenhang eben auch ihren Rechner anzuschaffen. Da man für Recherchearbeit eh viel unterwegs war und Schreiben eigentlich überall ging, war nur eine Anwesenheitspflicht von zwei Tage wöchentlich nötig und so konnten bis zu drei Tage außerhalb des Büros gestaltet werden.
    Das bedeutete allerdings, dass Raffi an diesen Tagen eventuell trotzdem um Rabenitz herum zum Stall fahren musste und wie sie es auch drehte und wendete, frei nach "Einmal alles neu" wäre eine Wohnung in Rabenitz schon praktisch und beim Gedanken, für ihre beiden Kater einen sicheren Balkon oder sogar einen Garten zu haben, musste sie lächeln. Nero liebte es, im Herbst eingeschleppte Blätter zu jagen und nicht selten brachte sie ihm mal eines mit. Fuchur hingegen mochte sonnenbeschienene Plätze und Katzengras, den Wasserbrunnen und Orte von denen er ungesehen alles beobachten konnte. Beide hätten ihren Spaß daran, auch mal rauszugehen!

    Sie hatte also angefangen, auch nach Wohnungen Ausschau zu halten und ihre Fahrten nach Rabenitz für Wohnungsbesichtigungen zu nutzen. Es gab Wohnungen, die in den Anzeigen so schön ausgesehen hatten und dann aber in echt und Farbe deutlich enger, verwinkelter und unschöner waren. Es gab zwei Wohnungen, bei denen andere Interessenten den Zuschlag bekamen und es gab Wohnungen, bei denen die Vorstellungen weit auseinander gingen. Sie nahm sich jeden Tag Zeit die Anzeigen zu scannen, Anfragen zu verschicken und Telefongespräche zu führen. Doch da hörte es nicht auf und schließlich mobilisierte auch ihre Schwester die Kontakte, die sie als Kinderärztin hatte. Auf einen Schlag hagelte es Anrufe mit Angeboten über Kellerzimmer, Wohnungen oder ganze Häuser in der Umgebung von Rabenitz.
    "Sis, kann es sein, dass du einfach jedem erzählst, dass deine Schwester grade eine Bleibe sucht?", fragte Raffi Maria einmal.
    "Kann sein, dass ich es hier und da erwähnt habe, wie du drum gebeten hast", antwortete sie gedankenverloren, während sie Kartoffeln für das Abendessen schnitt.
    "Die Leute rufen an und bieten von Kellerlöchern bis hin zu Häusern außerhalb der Stadt alles an", lachte Raffi.
    "Manchmal kommen Angebote von Stellen und in Formen, wie du selbst nicht danach gesucht hast", kommentierte sie es nur und füllte den Kartoffeltopf mit Wasser.

    Raffi ahnte noch nicht, wie Recht ihre Schwester damit behalten sollte. Zwei Tage nach dem Gespräch hatte sie sich grade mit den Katzen auf Sofa gekuschelt, als das Telefon klingelte.
    "Guten Tag, Spreche ich mit Frau Hoffmann?", klang es vom anderen Ende.
    "Ja, die bin ich, mit wem spreche ich?", fragte Raffi nach.
    "Clara Rasputin mein Name. Ich hab ihr Nummer von meiner Freundin Bettina und die hat sie von ihrer Tochter. Oder ihrem Sohn? Jedenfalls ist ihr Enkel Patient Ihrer Schwester und da habe ich von Ihrer Notlage mit der Wohnung gehört und ich dachte mir: Lieber über zwei Ecken als jemand vollkommen unbekanntes", erzählte die Anruferin fröhlich vor sich hin.
    "Guten Tag Frau Rasputin, danke, dass sie anrufen! Wie wollen Sie mir denn bei meiner Wohnungssuche helfen?", erkundigte sich Raffi.
    "Nunja, ich besitze da dieses Haus im Westen von Rabenitz. Also eigentlich weiß kaum noch einer, dass das hier früher ein eigener kleiner Ort war, ich kann mich da ja auch fast nicht dran erinnern. Jedenfalls ist da dieses große Haus, das ich ganz für mich habe. Die Wohnung in der oberen Etage ist schon lange an einen Konzertpianisten vermietet, der Tag um Tag immer schön spielt. Jetzt ist es mir in meiner Etage aber auch langsam zu groß, ach was sage ich, eigentlich habe ich schon seit vielen Jahren nicht mehr alle Zimmer genutzt. Sie müssen wissen, ich bin schon 74 Jahre alt und brauche so viel Platz nicht mehr, aber ich fühle mich dort so wohl und möchte auch nicht weg. Jedenfalls hat mein Notar, der liebe Herr Kessel mir erzählt, dass etwas gibt, was die Leute Generationen-Wohnprojekte nennen", erzählte Frau Rasputin weiter vor sich hin.
    "Eigentlich suche ich nach einer Wohnung für mich", versuchte Raffi es vorsichtig.
    "Nein nein, keine Sorge, das ist nicht so wie die ganzen Studenten das machen mit jeder in seinem Zimmer und dann streitet man sich um Putzpläne und wem welcher Topf in der Küche gehört! Sie müssen wissen, das Erdgeschoss des Hauses hat schon sechs Zimmer, eine Küche, zwei Bäder und eine sehr großzügige Diele. Wir haben die Wohnung schon in zwei geteilt und eines der Zimmer hat Anschlüsse für eine Küche bekommen. Ich bin mit zwei Zimmern, einem Bad und einer Küche zufrieden, alles klein und übersichtlich. Und dann hat die andere Wohnung noch zwei Zimmer und den Durchgang vom Wohnzimmer auf die Terasse. Aber ich habe auch noch einen eigenen Zugang zum Garten durch den Keller. Sie müssen wissen, ich liebe den Garten, aber er wächst mir alleine über den Kopf und er ist viel zu schade, um nur immer wieder einen Gärtner dafür zu bezahlen, dass er ihn mal hübsch macht."
    "Frau Rasputin, was wäre außer einer Miete die Gegenleistung, die Sie für die Wohnung erwarten?", fragte Raffi vorsichtig.
    "Nunja, ich hoffe einfach das wieder mehr Leben in mein Haus kommt. Ich mag ein bisschen Gesellschaft und ich mag es zu sehen, wenn der Garten benutzt wird. Außerdem habe ich weder Kinder noch Enkel, die mich besuchen können, sondern nur meine Kaffeerunde und die Bingogesellschaft."
    "Ich habe zwei Katzen, wäre das denn auch in Ordnung?", fragte Raffi weiter.
    "Oh ja, ich hatte mein Leben lang Katzen, doch als meine letzte vor zwei Jahren eingeschläfert wurde, habe ich keine neue aus dem Tierschutz geholt. Ich hatte zu viel Sorge, dass ich einer weiteren Katze nicht mehr gerecht werden kann. Sie müssen wissen, ich in schon 74 Jahre alt", erklärte sie.
    "Wie wäre es, wenn ich in den kommenden Tagen einfach mal vorbeischaue, wir gemütlich einen Kaffee trinken und uns kennenlernen? Dann können Sie sehen, ob Sie mir ihre Wohnung vermieten wollen und ich kann sehen, ob mir die Wohnung gefällt", schlug Raffi vor.
    "Oh das ist eine ganz hervorragende Idee!", freute sich Frau Rasputin, "Ich hole schnell meinen Kalender und dann machen wir einen Termin!"

    Als sie mit Maria telefonierte, fiel die fast aus allen Wolken.
    "Oh, in Berken leben unfassbar viele reiche Snobs, die ihre Bediensteten dafür bezahlen die Parkettböden zu polieren", entfuhr es ihr, "Da stehen ganze Straßenzüge voll mit Jugendstil-Villen, so richtige Altbauten mit Stuckdecken und Vertäfelungen. Da fehlen oft nur die Familienwappen über den Kaminen. Viele Leute bilden sich da was auf ihren früheren Adel ein und tragen das ganz offen vor sich her!"
    So hörte Raffi ihre Schwester seltener reden, denn Maria hielt sich mit Urteilen immer sehr zurück. Von Frau Rasputin hatte sie jedoch noch nie gehört und konnte ihr nichts sagen.
    "Vielleicht ist es ja auch einfach ein normales Einfamilienhaus. Sie erzählte, dass es ihr zu groß wird und sie es wieder mit mehr Leben füllen will. Deswegen vermietet sie die Hälfte des Erdgeschosses", erzählte Raffi, "Ich weiß noch nicht so ganz, was ich davon halten soll. Auf der einen Seite wäre es schon eine Wohnung für mich, auf der anderen hat sie es als Generationen-Wohngemeinschaft bezeichnet."
    "Fahr einfach hin und schau es dir an. Wenn die sich dann vorstellt, dass ihr alles zusammen macht und du auch noch den Haushalt für beide Wohnungen schmeißen darfst, kannst du immer noch absagen", empfahlt Maria.
    "Erinnerst du dich an unsere Großeltern?", wechselte Raffi auf das Thema, das sie seit dem Anruf am Vorabend beschäftigte.
    Die Eltern ihrer Mutter waren beide schon vor der Hochzeit ihrer Eltern gestorben. Die Eltern des Vaters, als Raffi noch zu klein gewesen war, um das richtig zu verstehen.
    "Nicht an viel. Ich weiß, dass Opa immer gerne Domino gespielt hat und ich erinnere mich, dass wir vor Weihnachten mit Oma Kekse gebacken haben", erzählte Maria und Raffi sah sie quasi durchs Telefon verträumt lächeln, "Bei Opa war es wohl klar, dass er sterben würde, aber Oma kam dann überraschend nur eineinhalb Jahre später. Papa hat immer gesagt, sie sei an gebrochenem Herzen gestorben"

    Am übernächsten Tag fuhr Raffi also nach Berken, um sich die Wohnung anzusehen und mit Frau Rasputin bei Kaffee und Kuchen die Details zu besprechen. Ihre Erwartung doch nur eines der Einfamilienhäuser zu erwischen wurde nicht wahr, stattdessen fand sie die Hausnummer an einer hell verputzten "kleinen" Villa. Durch ein offenes Fenster im Obergeschoss klang leise Klaviermusik auf die Straße - so richtig Klischee! An der Fassade waren deutlich weniger Stuck-Verzierungen angebracht als an den Umliegenden Häusern, doch die Leute, die auf der Straße unterwegs waren, entsprachen größtenteils dem Bild, das Maria gemalt hatte. Während sie sich noch umschaute, ertönte aus der Gegensprechanlage schon Frau Rasputins Stimme:
    "Gehen Sie einfach links um das Haus herum, wir treffen uns hinten auf der Terasse. Ich muss nur noch schnell den Kaffee in die Thermoskanne füllen. Nehmen Sie Milch oder Zucker zum Kaffee?"
    "Äh!", machte Raffi einen eloquenten ersten Eindruck, "Beides wäre ganz klasse"
    Dann machte sie sich auf den Weg und fand im Garten die versprochene Terasse. Statt aber weißem Spitzendeckchen und gestärker Tischdecke lag dort eine schlichte Tischdecke mit Blümchenstickmuster und es standen schlichte Blumen neben Zuckerdose und Milchkännchen. Auf einem kleinen Servierwagen, der auch eher praktisch als elegant wirkte, stand eine Platte mit verschiedenem Kuchen. Die Terasse lag ebenerdig mit dem halbhohen Erdgeschoss und eine Treppe führte in den Garten. Gerade als Raffi eben diese Treppe hinaufsteigen wollte, öffnete sich neben der Treppe eine Tür, die wohl zum Keller führte, und Frau Rasputin betrat den Garten mit einer Kaffeekanne in der Hand.
    "Guten Tag Frau Rasputin, Raphaela Hoffmann", grüße Raffi sie und strecke die Hand aus.
    "Frau Rasputin hier, Frau Rasputin da, ich bin es leid, dass immer alle so auf Abstand gehen, nur weil ich Rentnerin bin. Am Telefon ist das ja alles schön und gut, aber ich bin nicht hier wohnen geblieben, um mit den Schnöseln rundum in eine Schublade gesteckt zu werden!", echauffierte sie sich, schüttelte Raffis Hand und drückte der zunehmend perplexen, jungen Frau die Kaffeekanne in die Hand, "Einmal bitte nehmen, ich habe auf Treppen gerne die Hände frei. Wir können uns ab jetzt ruhig duzen, ich bin Clara!"
    Völlig verdattert folgte Raffi ihr die Treppe hoch, legte ihre Tasche auf einem wie zufällig bereitstehenden Hocker ab und stellte die Kaffeekanne auf den Tisch. Clara hatte derweil die Abdeckung von der Kuchenplatte genommen und je ein Stück auf einen Teller gepackt.
    So sehr sie wie eine Grand Dame wirkte, so wenig erfüllte Clara das Klischee und je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr verwirrte es Raffi.
    "Ja, ähm, das können wir gerne machen. Ich bin Raphaela", ging sie mit reichlicher Verspätung auf das Angebot ein und setzte sich.
    "Gut, jetzt wo wir die Förmlichkeiten abgelegt haben, können wir ja gemütlich Kuchen essen. Ich hoffe, Pflaume ist in Ordnung", sagte Clara nur und begann zu essen.
    Sie unterhielten sich 20 Minuten über die weiteren Details zur Wohnung. Claras Vorstellungen waren durchaus realistisch: Wenn es sich anböte, würde sie sich darüber freuen, wenn Raffi mal beim Tragen von Einkäufen half und sich des Gartens annahm, der in der Miete voll inbegriffen war. Für Sträucher und Bäume kamen jährlich einmal Gärtner, auch fürs Mähen des Rasens bezahlte Clara einen Teenager aus der Nachbarschaft alle paar Wochen mal. Alles weitere würde Raffi nach ihren Vorstellungen gestalten können. Clara hatte immer viel Wert darauf gelegt, dass Zäune und Hecken gut gepflegt waren und das Eindringen des Efeus weiter verhindert wurde, den die Nachbarn so wild wachsen ließen.
    "Ich habe vor vier Jahren meinen Nutzgarten aufgeben müssen. Es wurde einfach zu viel Arbeit. Nur den Apfelbaum habe ich stehen lassen und die Wege sind auch geblieben. Die Gärtner haben alles andere weggenommen und Rasen gesäht", erzählte Clara.
    Ihr Blick schweifte in den Garten, wo die Wegplatten des Nutzgartens noch zu sehen waren. Raffi schwärmte vom Garten ihrer Eltern und was sie dort als Kind alles kennengelernt hatte. Von der Karftoffelpflanze die buschig gewachsen war, am Ende aber nur etwa daumengroße Kartoffeln abgeworfen hatte und von den Kräutern, die sie beim Spielen immer stibitzt hatten.

    "Eines verstehe ich nicht. Sie wohnen hier in der Gegend, haben offensichtlich kein besonders gutes Verhältnis zu den Nachbarn und wollen trotzdem hier wohnen bleiben?", fragte Raffi.
    Clara kicherte.
    "Oh, da werden die sich grün und blau ärgern! Seit mein lieber Karl verstorben ist, hoffen sie darauf, dass ich irgendwann mal verkaufe. Du musst wissen, Karls Großvater hatte mit einem Kaufladen im damals kleinen Rabenitz angefangen und dann ist das gewachsen und gewachsen und als Karl es schließlich von seinem Vater geerbt hat, war aus dem Laden ein großes Kaufhaus geworden. Als er vor 10 Jahren in Rente ging, hat er es noch eine Weile auf seinen Namen laufen lassen, dann hat er verkauft, weil wir keine Erben haben. Jedenfalls brachte das Unternehmen in seiner aktiven Zeit genug Geld, dass wir hier kaufen konnten, als eine ehemals reiche Fischerfamilie insolvent ging. Es war damals für uns ein gewaltiger Glückgriff, aber den Nachbarn natürlich ein Dorn im Auge, dass wieder jemand von den Neureichen hier einzog", erzählte Clara mit glänzenden Augen, "Sie waren schon verärgert, als ich den Fauxpas beging, das obere Geschoss zu vermieten. Aber gegen Johannes' Klavierkünste kann man nur schwerlich etwas sagen, es bringt eine so schöne Atmosphäre auf die Straße. Viel lieber wäre es ihnen natürlich er wäre mein Sohn oder Schwiegersohn. Tatsächlich haben wir bis auf den ein oder anderen Plausch aber nichts miteinander zu tun und das ist immer noch mehr als mit den anderen Nachbarn. Aber wir haben genug geredet, du willst doch sicher die Wohnung sehen!"
    Raffi nickte "Ja, unter anderem deswegen bin ich hier", erklärte sie.
    "Wo hab ich denn den Zettel?", grübelte Clara, während sie in den Taschen ihrer Strickjacke grub, "ah hier!"
    Sie zog einen Zettel aus der Tasche und faltete ihn auf.
    "Ich habe diese ganzen Details nicht im Kopf und denke, dass die Wohnung eh für sich sprechen muss. Also wenn du dich nicht für technische Details interessierst, kannst du jetzt einfach interessiert gucken und weghören"
    Raffi musste lachen, war aber gespannt, was Clara mit technischen Details meinte.
    "Also", räuperte die sich, "Das gesamte Erdgeschoss umfass mit der Diele etwa 120qm, abzüglich der Diele bleiben dann gut 90, von denen dann etwa 60 für dich sind und die restlichen 30 für mich. Mach dir keine Sorgen, das ist genügend Platz. Was soll ich mit mehr außer zu viele Sachen anschaffen, die ich dann doch nicht brauche? Der Keller ist inzwischen voll genug!"
    Raffi stutzte. Ihre aktuelle Wohnung hatte etwa ebenso viel Platz, allerdings war das mit etwas Dachschräge und mit normalhohen Räumen.
    "Der Boden ist Parkett, nur in Bädern und Küche sind Fliesen verlegt. Außerdem waren wir den Hall in den hohen Räumen Leid und haben schon vor Jahren lärmschluckende Elemente an den Decken anbringen lassen. Damit ist zwar der Stuck innen verschwunden, aber den fand ich eh immer übertrieben!", kommentierte sie weiter, "Vor zwei Jahren ist die Elektronik erneuert worden, als Johannes oben eingezogen ist. In dem Zuge haben wir auch einfach schon Internet mit gelegt. Ich selber brauche das zwar fast überhaupt nicht, aber heutzutage ist das Standard hat man mir gesagt"
    Sie staunte nicht schlecht. Hohe Decken ohne Stuck, neue Elektronik und Kabelinternet in allen Räumen war für ein Haus und auch eine Besitzerin dieses Alters sehr fortschrittlich.
    "Die Heizung läuft über Gas, ich hatte aber schon Fachleute hier, die sich die Statik des Daches angeschaut haben, denn die Südausrichtung wäre für eine Solaranlage super. Ich muss noch mal nachfragen, wie es damit aussieht, denn ich interessiere mich da doch sehr für und das nicht nur, um den Nachbarn auf die Füße zu treten! Strom kommt hier aus Wind- und Wasserkraft aus der Umgebung, Rabenitz hat da vor ein paar Jahren massiv mit geworben und die Lage gibt beides her. Karl hat damals direkt zugeschlagen, allerdings hatte er es auch ein bisschen vorab mitbekommen. Zu deiner Wohnung gehört ein Abstellplatz für das Auto und ein eigener Kellerraum, außerdem ein Platz für deine Waschmaschine im Waschkeller"
    Raffi nickte anerkennend. Sie einigten sich, die Räumlichkeiten zu besichtigen und räumten alle Kaffeeutensilien in den Servierwagen.
    "Solange noch keiner hier wohnt, schiebe ich den Wagen noch durch die Wohnung", gestand Clara und sie betraten das Wohnzimmer der Wohnung.
    So komplett blank fühlte sich Raffi etwas verloren in dem riesigen Raum, aber der Erker gefiel ihr gut und sie sah dort direkt einen Sessel stehen, der von einem beistelltisch und einer Pflanze begleitet wurde. Auch das Schlafzimmer war großzügug, das Bad war zwar etwas lang gestreckt, wartete aber mit Dusche und Badewanne auf und hatte darüber hinaus auch noch eine Fußbodenheizung, wie Clara erklärte. Die Küche verfügte über eine geschmackvolle Küchenzeile mit sinnvoller Aufteilung und es passte noch ein gemütlicher Esstisch dorthin. Sie zeigte ihr außerdem die große Diele mit der geschwungenen Treppe ins Obergeschoss und den Keller mit Kellerraum und Waschkeller. In der Wohnung hatte es überall nach frischer Farbe gerochen und Clara erzählte, dass die Rennovierungsarbeiten erst vor wenigen Tagen beendet worden waren. Raffi lobte die Tatsache, dass mandie Umbaumaßnahmen nicht sah und erfuhr, dass das Wohnzimmer früher doppelt so groß gewesen war und unterteilt worden war. Clara musste kichern, als sie erzählte, dass sie jetzt in den früheren Dienstbotenzimmern lebte.

    "Ok, das gefällt mir tatsächlich sehr gut", gestand Raffi und schluckte, denn jetzt kam die Frage, die wahrscheinlich alles kippen würde, "Wie sähe es denn mit der Miete aus?"
    Clara sagte es ihr.
    "Was?!? Da wirst du doch arm dran!", entfuhr es Raffi.
    "Nixda! Natürlich verdiene ich nichts daran und wenn es nach mit ginge, würde ich die Wohnungen zum Selbstkostenpreis abgeben, aber da spielt mein Steuerberater nicht mit! Ich habe keine Kinder und keine Enkel, die mir hier Besuch leisten und mit meinen Mädels treffe ich mich immer außer Haus oder im Sommer mal im Garten. Mit ist die Gesellschaft durch zwei menschen im Haus sehr viel mehr wert als das Geld. Davon habe ich genug!", verteidigte sich Clara.
    Da fiel es Raffi wie Schuppen von den Augen. Clara war seit vier Jahren verwitwet. Wahrscheinlich hatte das gesellschaftliche Leben, an dem sie durch die Geschäfte ihres Mannes mit teilgenommen hatte, größtenteils abgebaut. Außer den Damen, mit denen sie Kaffee trank und Bingo spielte, war nicht viel geblieben. Sie hatte keine Kinder oder Enkel, die sie besuchten oder die sie besuchen konnte, ihre Katze war verstorben und ihre Nachbarn waren mit ihr nicht grün. Resolut und humorvoll wie sie war, musste die Frau, der sie gegenüber stand, ein recht einsamer Mensch sein.
    Was sie deswegen wollte, war ein bisschen Gesellschaft im Haus, das mit nur einer Person wahrscheinlich zu viele eigene Geräusche machte. Im Gespräch war es Raffi nicht erschienen, als sei Clara auf ihre Hilfe angewiesen. Viel eher vermutete sie, dass Clara von dem Schlag Menschen war, die sich dann doch mit nichts helfen ließen. War das nicht genau das, was sie selbst auch gesucht hatte? Ein bisschen Anschluss, einen Garten und eine hübsche Wohnung in Rabenitz? Es standen zwar noch Besichtigungen aus, aber Raffi merkte, dass sie sich schon in den Erker, den Garten und dieses große Haus verguckt hatte und von jetzt an würde sie alle Wohnungen nur noch mit dieser vergleichen. War es dann nicht einfach das beste, direkt zuzusagen?
    "Wann stünde die Wohnung denn zur Verfügung?", fragte sie deswegen.
    "Ach Raphaela, du siehst, die Wohnung ist gesaugt und gestrichen. Die Schlüssel habe ich drüben und den Mietvertrag kann mein Notar mir ganz schnell fertig machen. Die Frage wäre, wann du einen Umzugstermin findest!", lachte Clara und überraschte Raffi damit einmal mehr.
    "Wie gesagt, es läuft alles darauf hinaus, dass du dich hierfür entscheidest und einziehst, den Rest regeln wir dann schon", erklärte Clara noch einmal und hielt Raffi die Hand hin.
    Egal ob sie schnell einen Nachmieter fand oder nicht, die Miete der neuen Wohnung würde als Zusatz zu ihrer alten kein Loch in ihre Finanzen reißen. Außerdem hätte sie eine Übergangsphase, alle Sachen rüber zu bringen und sich neu einzurichten. Sie zögerte noch kurz dann schlug sie ein.

  • Raffi #05 - Wenn sich alles ordnetDatum11.03.2022 18:59
    Thema von Leila im Forum Leila

    Die Fortsetzung der Geschichte von Raffis Umzug mit Esme zum Reitstall Moorwiesen...


    Es war so einer von diesen verregneten Nachmittagen. Als so verregnet, dass man sich in einem Reiturlaub mal nicht eben in den Sattel schwingen und vor dem Nieselregen in den Wald flüchten konnte. Klar, zu Hause hätte Raffi jetzt den Nachmittag genutzt und vielleicht in der Halle trainiert. Hier hatte sie jedoch fest geplant, auch Esme einen Urlaub zu gönnen und so war es beim morgendlichen Spaziergang in einem Regenloch geblieben. Während Esme also in der Paddockbox über Mittag Heu mümmelte und nachmittags auf einer größeren Weide andere Pferde angucken durfte (getrennte Weideparzelle für Gastpferde), hatte sich Raffi in dem kleinen Ferienappartment auf dem Laptop eine Serie angeworfen und faulenzte sich durch die Gegend. Bei Regen rauszugehen war zwar möglich, aber eben einfach nicht schön.

    Der Urlaub war genau das richtige gewesen: Ja, alleine zu sein barg immer die Gefahr, mit dem eigenen Kopf zu viel alleine zu sein, zu sehr ins Grübeln zu geraten und so eine nicht-endende Abwärtsspirale loszutreten. Raffi hatten die letzten Tage, in denen sie nur ausreiten und spazieren war, Zeit gegeben, das Chaos mal zu sortieren ohne dabei ständig bei "hätte ich doch nur" oder "was wäre wenn" zu landen. Sie war in der Lage gewesen, ihren aktuellen Stand zu formulieren, ihre Wünsche und Ziele für die Zukunft und die Grenzen, die sie sich in bestimmten Lebenssituationen nun setzen würde oder eben nicht setzen würde. Immer wenn sie gemerkt hatte, dass es in die falsche Richtung ging, hatte sie entweder etwas mit Esme unternommen oder war mit dem Leihfahrrad des Stalls losgefahren.

    Als um 3 Uhr scheinbar immer noch keine Zeit umgegangen war, sie aber auch nicht die Muße zu weiteren Serien, sinnlosen Gesurfe oder Spaziergang im Regen hatte, nahm sie sich die Liste von Karin vor. Ihre Jetzt-Ex-Mentorin hatte eine Reihe Stallempfehlungen ausgesprochen und so surfte Raffi gezielt die Internetpräsenzen der Ställe ab und schaute, was es so gab. Da war der Rubenshof. Man kannte sie dort, denn Vice hatte dort gestanden, ehe er zum Reitstall Elwen gezogen war. Sie selbst hatte lockere Gespräche mit den Leuten dort geführt, die Atmosphäre am Stall war allerdings immer sehr professionell gewesen: Ausnahmslos vielversprechnde Youngster oder schon versierte Sportpferde standen dort. Es hatte eigene Hengststallungen gegeben und die wenigen Einsteller, die sie neben Karin gekannt hatte, hatten fast ausschließlich Geldanlagen und Prestigeobjekte eingestellt, die dann vom Personal trainiert worden waren. Karin hatte den Stall wohl nur pro Forma mit aufgenommen, denn auch sie war wohl froh gewesen, dort ausziehen zu können und weiterhin nur die Stallleitung zu kennen, ohne sich dort aufhalten zu müssen. Raffi vermutete sogar, dass Karin es bereut hatte, Vice zuallererst dort einzustellen. Allerdings konnte man nicht sagen, dass der junge Wallach nach reiflicher Überlegung eingezogen war.

    Der Zettel wanderte in den Müll und dann schoss ihr ein weiterer Gedanke durch den Kopf: Mit neuem Job hielt sie nichts in der Gegend. Was sprach dagegen, nach Auenburg, Sandefeld oder Kirchbergen zu gehen? Zugegeben, die Antwort war einfach, denn ihre Eltern wohnten in der Kleinstadt im Speckgürtel von Welmstadt und Marie hatte es samt Familie vor einigen Jahren nach Rabenitz verschlagen. Thilo würde wohl noch eine Weile in der Weltgeschichte herumjetten. Auch wenn Raffi immer stolz auf ihre Eigenständigkeit gewesen war, so gefiel ihr die Vorstellung nicht, weit von ihrer Familie weg zu wohnen. Es sollte also Heidewald bleiben, am liebsten die südliche Ecke. Sie ging die Stallliste von Karin durch und strich alles außerhalb der gesetzten Komfort-Zone heraus.

    Anschließend öffnete sie eine Kartenanwendung und markierte alle verbliebenen Ställe. Von dem Hof ein Stück westlich von Rabenitz hatte sie schon mehrfach gehört: Mindestens einmal pro Jahr verschwand das halbe Weideland, wenn die Ves mal wieder besonders viel Wasser führte - weg damit! Der Grünberghof östlich der Gravitzer Heide hatte zwar unglaublich schöne Anlagen und Umland, aber außer Umland gab es dort nicht viel und wer nicht auf dem Hof wohnte, musste mit 20 Minuten Anfahrt rechnen - mit dem Auto, bei jedem Wetter und auch im Winter, wenn im leicht hügeligen Land die Reifen auf schlammigen Schotterpisten gerne mal eine Weile durchdrehten - weg damit!

    Eine halbe Stunde später hatte Raffi zwei weitere Ställe aussortiert (tolle Anlage, super Stallgemeinschaft, aber die Reitschulpferde hatten bei ihren Besuchen unglücklich gewirkt am Reitgut Meerkamp und die Leute vom Schlossgestüt Klaubingen nahmen Boxenmieten, die jenseits aller Vernunft lagen). Sie nahm aus der verbliebenen Liste ihre drei Favoriten zur Hand: Der Gutshof Gravitz direkt an der Gravitzer Heide würde um diese Jahreszeit mit der blühenden Besenheide eine wahnsinnige Kulisse abgeben. Erst vor ein paar Jahren hatten die Hofbetreiber Veranstaltungsanlagen hochgezogen, die ein einzigartiges Panorama offen ließen. Ein Telefonat ergab jedoch, dass viele Reiter den Heidetraum träumten: Der Stall war ausgebucht und die Warteliste gut gefüllt. Es würde wohl bei Besuchen an Turniertagen bleiben.
    Nummer zwei war ein gut ausgestatteter Stall, der ein paar Jahre lang ausschließlich Turniere für Ponys veranstaltet hatte. Das Konzept war irgendwann aufgegeben worden und aus dem Ponyclub Rabenitz war der Reitverein Meyer geworden. Der Name war zwar wenig spektakulär, die Anlagen aber ordentlich und auch die Leistungen, die mit inbegriffen waren, wirkten vielversprechend. Sie vereinbarte für den nachfolgenden Freitag einen Besichtigungstermin. Wenn alles passen sollte, waren für Anfang und Mitte September jeweils eine Box frei.
    Ein ähnlich positives Ergebnis erzielte sie bei Nummer drei, dem Reitstall Moorwiesen, der ebenfalls bei Rabenitz lag. Bei der Bemerkung, sie könne - wenn alles passe - schon Sonntag einziehen, musste sie ein bisschen lachen und vertröstete ihre Kontaktperson (deren Namen sie tatsächlich nicht gut verstanden hatte) erst einmal.

    Zum frühen Abend schaute Raffi noch ein mal nach Esme, holte sie vom Weideparzell in die Gastbox und mischte das Futter zurecht, das sie für den Stallburschen hinstellte. Dann schwang sie sich auf das Leihrad (es hatte kurz aufgehört zu regnen) und radelte in den nahegelegenen Ort. In einer kleinen Strandbar fand sie einen Platz mit blick aufs Meer und genoss einen Teller italienische Pasta und ein paar Gläser Wein. Als Historikerin begeisterte sie die Sandefelder Küste, wusste sie doch, dass es hier in den vergangenen Jahrhunderten massive Landgewinnungsprozesse gegeben hatte. Die Geschichte der Fischer und Farmer, die dem Meer das Land zentimeterweise weiter abgerungen hatten, war eine bewegte und gut dokumentierte. In ihrem Studium hatte sie das Thema einmal grob angekratzt, beim Journal war man jedoch von der Idee nicht so angetan gewesen, was so im kleinländlichen Rahmen früher alles passiert war und weiter weg lag. Zuletzt hatte sie einen Artikel über die Industrialisierung Ehrfurchts geschrieben. Ein paar Schleifen weniger und ein bisschen mehr Tempo in der Technologie und Welmstadt wäre nicht die Hauptstadt Heidewalds geworden.

    Sie blieb an diesem Abend eine der wenigen Gäste, radelte gegen 9 Uhr zurück, telefonierte mit ihrer Schwester, schrieb zwei Postkarten und ging dann recht früh ins Bett. Am morgigen Tag stand schon wieder die Abreise auf dem Plan und auch wenn sie die gemütliche Gesellschaft ihrer Kater Fuchur und Nero vermisste, war sie noch nicht sehr motiviert, in den Alltag zurück zu kehren. Marie hatte ihr angeboten, von Freitag auf Samstag bei ihr zu bleiben. Ihr Mann und ihre Tochter waren nicht zu Hause und so würden sie sich einen gemütlichen Mädelsabend machen können. Seit Marie ihre Tochter hatte, waren diese Abende selten und deutlich ruhiger als noch zu Zeiten, in denen sie beide noch studiert hatten.

    Nachdem sie auf der Rückreise Esme am Stall abgesetzt hatte (sie waren vor der Abreise noch einmal lange ausreiten gewesen und weitere Beschäftigung brauchte die Stute heute nicht), schaute sie, ob ihre beiden Kater noch lebten. Sie taten es und bekundeten ihren Unmut über ihre lange Abwesenheit so vehement, dass Raffi sich kurz nicht sicher war, ob sie es schaffen würde, alleine in den Waschkeller zu gehen. Gottseidank ließen die beiden sich mit Abendessen ablenken und die erste Waschmaschine lief ruhig durch. Sie sichtete die Post und fand eine angenehme Überraschung: Aufgrund der Tatsache, dass sie grade erst den Ehrfurcht-Artikel abgeschlossen hatte und in der Zeit bis Mitte September neben den verbliebenen zwei Urlaubswochen nicht viel Zeit für neue Recherchearbeit blieb, hatte die Arbeit sie für den Rest der Zeit freigestellt. Sie durfte noch einen Tag vorbei schauen, Ausstand feiern und ihre persönlichen Gegenstände mitnehmen. Was sich für andere wie ein Rauswurf angehört hätte, erleichterte sie enorm, denn so musste die Thomas nicht unbedingt noch unter die Augen treten. Das Schreiben bedankte sich für ihre Arbeit und ihre vortrefflichen Artikel, hängte ein Arbeitszeugnis und besagte Artikel als Referenz für zukünftige Arbeitgeber an und wünschte ihr alles Gute auf ihrem weiteren Lebensweg.

    Der Donnerstag bestand aus Bewerbungsarbeiten. Sie wollte gerne in der Journalistik bleiben und stolperte nach einer Weile Recherche schließlich auf eine Ausschreibung, die wirkte, als wäre sie auf sie abgestimmt worden: Schreiberin für das Historikum, ein kleineres Historik-Journal in Rabenitz: Eigeninitiative, Kreativität, Interesse an und Ideen für Artikel im lokalen Zusammenhang, aber auch überregionale Beiträge. Die Bewerbung floss ihr förmlich aus den Fingern, Referenzen hängte sie neben Arbeits- und Unizeugnis an und sendete die Mail ab. Keine halbe Stunde später erhielt sie einen Anruf zurück, der jegliche Gedanken, dass sie vielleicht doch etwas falsch interpretiert haben könnte, beiseite fegte. Für Freitag vormittag war sie in Rabenitz eingeladen zum Vorstellungsgespräch. Die Atmosphäre war locker, beide Seiten waren sichtlich begeistert, sich gegenseitig gefunden zu haben! Alles in Allem wirkte es, als würde es aktuell nur aufwärts gehen, aber immerhin musste sie durch den nächsten Tag - ein Bewerbungsgespräch und und zwei Stallbesichtigungen - durch!

    Am Freitag Morgen schien das Glück vorbei zu sein: Um 11 Uhr sollte ihr Gespräch beim Historikum starten, um 10 Uhr stand sie stadteinwärts auf der Schnellstraße, hielt die Rettungsgasse offen und schaute zu, wie in etwa einem Kilometer Entfernung Blaulicht vor sitzt hin blitzte. Der Verkehr stand vollkommen still, alle hatten die Motoren abgeschaltet und ließen die Rettungsfahrzeuge durch fahren. So würde das nichts mit dem Bewebungsgespräch und sie überlegte bereits, ob sie nicht anrufen sollte, um ihre Verspätung anzumelden. Um halb 11 klingelte ihr Handy und weil es eh nicht aussah, als ginge es in den nächsten 2 Minuten voran, nahm sie das Gespräch an, das von einer ihr unbekannten Rufnummer aus kam.
    "Frau Hoffmann, Reitling hier vom Historikum!", meldete sich eine ihr schon bekannte weibliche Stimme.
    "Guten Morgen Frau Reitling, was kann ich so kurz vor unserem Gespräch noch für Sie tun?", fragte Raffi.
    "Es tut mir fürchterlich Leid, aber wir müssen unser Gespräch ein Stück nach hinten verschieben. Ich stehe vor Rabenitz im Stau und wie es aussieht, gab es weiter vorne einen Unfall, es bewegt sich nichts!" Frau Reitling klang tatsächlich sehr verzweifelt, sie zu versetzen.
    "Das macht doch nichts. Ich stehe selbst in dem Stau drin und hatte auch grade überlegt, ob ich anrufen muss", beeilte ich Raffi, sie zu beruhigen.
    "Das ist ja phantastisch", freute sich ihre Gesprächspartnerin und zog scharf Luft ein, "Also nicht die Tatsache, dass da vorne offensichtlich Leuten etwas zugestoßen ist, da dürfen Sie mich nicht falsch verstehen!"
    Raffi beruhigte sie und sie unterhielten sich über die Lage. Sie fanden heraus, dass Raffi wohl etwas weiter vorn stand und daher mehr zu berichten wusste. Den Hubschrauber übersah aber wohl der gesamte Stau nicht. Als eine halbe Stunde später der Verkehr langsam wieder anrollte, verabschiedeten sich und stiegen um viertel nach 11 fast gleichzeitig aus ihren Autos. Schon auf dem Parkplatz machten sie einander bekannt. Frau Reitling war nur ein paar Jahre älter als Raffi - schätzte sie zumindest - und eine sehr herzliche Person. Sie verstanden sich auch auf Anhieb.
    Das Bewerbungsgespräch im Anschluss war wohl das kürzeste, das sie je geführt hatte, den nach dem langen Telefonat über Gott und die Welt hatte Raffi wohl im Vorfeld einen guten Eindruck gemacht. Im Bewerbungsgespärch selber redeten sie über den Job und wie Raffi ihn sich vorstellte und ob sie Dinge hatte, über die sie immer schon hatte schreiben wollen. Sie kamen darauf, dass Raffi sich nicht nur für die Sichtung und Einordnung bereitgestellter Materialien sondern auch für umfassende Recherchearbeit interessierte. Im letzten Job war das ein bisschen hinten über gefallen, was sie aber nicht erwähnte. Um 12 Uhr schüttelten sie sich die Hände und machten noch eine Tour durch das kleine Büro, das zukünftig Raffis Arbeitsplatz sein sollte.

    Noch immer verblüfft, wie schnell das abgelaufen war, machte Raffi sich auf den Weg zu ihrer Schwester. Sie hatten sich für ein Mittagessen verabredet und Raffi wollte sich dort umziehen, ehe die Stallbesichtigungen losgingen. Ihr Schwester empfing sie herzlich und hatte eine herrliche Antipastiplatte vorbereitet. Raffi erzählte ihr noch mal in aller Ruhe einige der Geschichten aus den letzten 2 Wochen und sie entschieden, abends im Hafen Essen zu gehen und auf den Job anzustoßen, der sie bald wieder näher zusammen bringen würde. Gegen 3 Uhr machte sie sich auf den Weg zum Reitstall Moorwiesen.

    Am Stall selber wurde Raffi freudig begrüßt, sobald die die ersten drei Schritte aus dem Auto gemacht hatte. Ein Hofhund rannte auf sie zu und leckte überglücklich ihre Hände ab. Zurückgepfiffen wurde das Begrüßungskomitee schließlich von der Hofbesitzerin Marit Moorwiesen, mit der sie schon telefoniert hatte. Raffi erzählte was zu Esme und was sie hierher verschlug. Sie erzählte von der Familie und der Nähe zur Küste. Sie verschwieg die Schwierigkeiten am alten Stall und die Tatsache, dass das einzige, was sie an heidewalds Küstenregion störte der recht häufige Regen war - man konnte schließlich nicht alles bekommen.
    Marit führte sie über den Hof und zeigte ihr die Anlagen, die Stallungen und die Weiden. Sie kamen im Reiterstübchen an, tranken einen Kaffee zusammen und Raffi fragte nach Trainern und Reitstunden. Marit erzählte, dass sie aktuell einen Großteil des Reitstundenprogramms alleine stellte und vor allem Dressurreiter unterrichtete. Sie hatte selbst Erfahrungen bis in höhere Klassen und stellte sich im Unterricht voll auf ihre Schüler ein. Feste Gruppen gab es nicht und Reitstunden wurden nach belieben und nach Könnensstand gebucht, Einsteller konnten auch Schulpferde ausleihen, um Neuland zu erkunden oder einfach mal auf einem Fremdpferd ihren Könnensstand zu prüfen. Darüber hinaus waren in Rücksprache auch Einzelstunden nötig. Aktuell war das System nicht so ausgelastet, wie es hätte sein können.
    Jedes Pferd hatte einen festen Stallplatz und eine feste Weidegruppe, die aber nicht notgedrungen vom Stallplatz abhing. Derzeit gab es sowohl in den Boxenställen als auch in den Paddockboxen freie Plätze - ihre Ansage, schon Sonntag einzuziehen war nicht gelogen gewesen.
    Versorgung war durch einen hofeigenen Tierarzt und Hufschmied gedeckt, es gab aber auch im Umland genug Vertretung, falls es nötig werden sollte. Einsteller bekamen außdem attraktive Rabatte beim ortsansässigen Krämer, der alle gängigen Reitsportartikel führte oder online auf Bedarf bestellte und zusendete.
    Sie schauten noch einmal die explizit in Frage kommenden Boxen an, ehe Raffi versprach, sich zu melden, sobald sie eine Entscheidung getroffen hatte.

    Als sie am Reitverein Meyer ankam, wurde sie auch hier stürmisch begrüßt. Der tiefschwarze Neufundländer war anständig erzogen und bellte einfach erst einmal nur. Raffi, die dem Hund zutraute, das Zuhause gegebenenfalls fleißig zu verteidigen, wartete ab, bis der Hund zurück gepfiffen wurde. Loreena Meyer empfing sie und sie plauderten erst einmal über das Wetter und die Luft, dann erzählte Raffi etwas zu Esme und verkleidete den Stallwechsel geschickt Folge des Jobwechsels, schließlich lag der Reitstall Elwen von ihrer Wohnung aus in anderer Richtung als Rabenitz.
    "Ja, man will ja dann auch noch mal Zeit woanders als im Auto verbringen", lachte Loreena (sie waren wie unter Reitern eben üblich schnell zum Du gewechselt). Sie erzählte, dass sie die Anlage neu übernommen hatten, nachdem der Ponyclub Rabenitz ausgezogen war und was die Modernisierung der Stallanlagen an Zeit und Nerven gefressen hatte. Das Ergebnis konnte sich jedoch sehen lassen: Qualität der Anlagen und auch der Stallungen ließen keine Fragen offen.
    Raffi erkundigte sich nach Trainingsmöglichkeiten und Loreena überschlug sich bei den Berichten über verschiedene Trainer aus der Umgebung, von denen einige den Stall häufiger anfuhren und unterrichteten.
    "Die Pläne sind zwar schon recht voll, aber ich bin sicher, dass hier und da noch ein Platz frei ist", garantierte sie.
    Sie drehten eine Runde über den Hof und Loreena schwärmte von der Herbstjagd am Stall, die jährlich stattfand und deren Planungen aktuell auf Hochtouren liefen. Es handelte sich dabei um eine reguläre Fuchsjagd, zu der auch die Reitställe in der Umgebung geladen waren. Drum herum gab es dann noch ein Hoffest, bei dem es immer vier Trubel gab. Zwischen den Zeilen hörte Raffi heraus, dass sich an dem Tag kaum einer in Sachen Alkoholkonsum zurückhielt. Alles in allem klang es jedoch nach einer sehr kommunikativen Einstellergemeinschaft.

    An beiden Ställen hatte Raffi ein gutes Gefühl gehabt. Beide Ställe boten gute Bedingungen für die Pferdehaltung an. Bei Meyer erwartete sie aus den Erzählungen eine hochgradig aktive Stallgemeinschaft, aber Probleme, ihr eigenes Training unterzubringen, wenn auch alle anderen schon Stunden nahmen. Das kannte sie jetzt seit einem halben Jahr zur Genüge. Auf Moorwiesen schien es aktuell etwas ruhiger zuzugehen, dafür würde sie keine Probleme haben, auch Training zu bekommen. Zusammen mit ihrer Schwester erörterte sie abends das Für und Wider beider Ställe. Obwohl Marie keine Reiterseele war und nur in Jugendjahren mal Reitstunden genommen hatte, konnte sie die richtigen Fragen stellen. Für Raffi kristallisierte sich in dem Gespräch langsam heraus, wie ihre Vorstellungen eigentlich aussahen und welcher Stall auch mit Blick auf ihre persönlichen Ziele eher in Frage kam.
    Um 20 Uhr nahm sie schließlich das Handy in die Hand und suchte aus der Anrufliste die richtige Nummer heraus.
    "Moorwiesen?", meldete sich Marit am anderen Ende der Leitung.
    "Hallo Marit, Raphaela Hoffmann hier. Ich war heute bei euch, um mir den Stall anzuschauen", grüßte Raffi zurück.
    "Ah, ich hab mich schon gefragt, ob du dich wohl melden würdest", lachte Marit.
    "Ja, ich hab ein bisschen überlegen müssen, aber ich glaube, Esme und ich sind bei euch gut aufgehoben. Was hast du noch mal gesagt, als ich vorgestern das erste Mal angerufen habe? Ich könnte Sonntag einziehen?", witzelte Raffi.
    "Ja, wie ich erzählt habe, aktuell haben wir ein bisschen Leerstand", bestätigte Marit, was Raffi eigentlich als Witz gemeint hatte, "Brauchst du einen Fahrer oder hast du selbst Hänger und Führerschein?"

  • Thema von Leila im Forum Leila

    Der Beginn der Geschichte, wie Raffi mit Esme vom Reitstall Elwen auszog.


    Frustriert beendete Raffi das Training mit dem jungen Wallach. Am Putzplatz stupste Vice sie an und ließ sich die Stirm kraulen, wie er das so genoss nach dem Training. Es war um Welten besser, als immer eine Nase auf der Suche nach Leckerlies ins Gesicht gehalten zu bekommen. Seit Wochen lief es zwischen beiden nicht und während Vice die Lektionen der A-Dressur auf dem Platz und auch im Turnier sauber abspulte, so blieb der Fortschritt zu Klasse L einfach aus. Eigentlich hatte er alles mögliche auf dem Kasten, es gelang ihr nur nicht, diesen Sprung zu schaffen. Die Fähigkeit, es ihm zu vermitteln ging ihr völlig ab und alles, was vorher zwischen den beiden noch so gut geklappt hatte, wirkte wie verpufft. Versammlung war im Training mit Esme auch nicht das Problem, da hatten sie ganz andere aktuell.
    "Müssen reden", sendete sie daher an Karin, der der Wallach gehörte und die sie auch eigentlich trainierte. In Gedanken stapelten sich die "Eigentlichs" von Tag zu Tag mehr an. Es half nichts, dass von Thomas ein "hey, warum antwortest du mir nicht?" auf ihrem Handy auftauchte. Sie blockierte ihn, denn die Nachricht reihte sich an verschiedene im Ton "du verstehst da was falsch" und "lass uns doch noch mal darüber reden" und "wirf nicht alles weg, was wir haben".

    Kurzerhand entschied sie, dass Esme heute einen freien Tag haben würde. Zwar hatte sie heute Kürtraining auf dem Plan stehen, aber sie war eh nicht in der Verfassung. Es jetzt zu zwingen würde nur bedeuten, dass sie am Ende noch frustrierter wäre - sofern das überhaupt noch möglich war.

    Sie winkte zwei der Bereitern des Stalls, als sie ins Auto stieg. Die Chance, von der Karin vor knapp einem Jahr so geschwärmt hatte, war ausgeblieben und zurück blieb nur ein schaler Geschmack und ein bisschen Glamour, den die Chance eben mit sich gebracht hatte. Für sie hatte das dennoch keinen Erfolg bedeutet. Oder sah sie alles viel zu schwarz jetzt grade heute?
    Zu Hause angekommen bestürmten Nero und Fuchur sie und nachdem sie aus der Dusche kam. Sie fütterte die beiden, doch irgendwie schienen sie zu merken, dass es ihrer Besitzerin nicht gut ging, denn schon nach ein paar Happen gesellten sie sich zu ihr aufs Sofa und kuschelten sich an sie. Gedankenverloren ließ sie Fuchurs rotes Fell durch ihre Finger gleiten, während sie sich versuchte auf die Serie zu konzentrieren. Sie musste sich eingestehen, dass sie nicht so recht mitbekam, was im Programm lief.
    Ihr Handy piepte.
    "Morgen Abend Pizza bei mir", schlug Karin vor und Raffi sagte zu. Grade entschied sie sich den Fernseher abzuschalten, da klingelte die Wohnungstür. Sie drückte den Summer und eine halbe Minute später stand Thomas vor ihrer Wohnungstür, rang mit den Händen und mit sich, guckte sie aus den haselnussbraunen Augen an, lächelte schüchtern und stieg dann ohne Begrüßung direkt ins Gespräch ein.
    "Lass es mich erklären", begann er.
    "Was gibt es da zu erklären?", fragte sie geradeheraus.
    "Das zwischen dir und mir ist was besonderes...", setzte er an, doch sie fuhr ihm ins Wort.
    "Wie soll es etwas besonderes sein, wenn es auf Lügen, Heimlichkeiten und Unwahrheiten aufbaut?"
    "Nein, du verstehst das falsch"
    "Ich denke nicht, dass ich das falsch verstehe und ich weiß auch nicht, was es da falsch zu verstehen gibt. Wir sind hier fertig, Thomas. Geh einfach, ich möchte dich hier nie wieder sehen!"
    Sie knallte ihm die Tür vor der Nase zu.

    Ja, in der Beziehung hatte sie sich immer gefragt, was wohl in seiner Familie vorgefallen war, dass er nie über seine Eltern redete, was zur Hölle mit seiner Wohnung war, dass es o ein Akt gewesen war, auch mal bei ihm zu sein und ob er wirklich so ein Arbeitstier war, dass sein Freundeskreis so ausgewählt war und davon dann auch noch alle weit weg wohnten.
    Heute morgen hatte einer der Kollegen eine Sammelbox herum gegeben. Das passierte immer wieder mal, wenn Karten zu besonderem Anlass herum gingen. Jeder packte einen kleinen Schein rein und unterschrieb eine Karte. Erst nachdem sie ihre Unterschrift gesetzt hatte, hatte sie gesehen, dass es sich um eine Glückwunschkarte an ihn handelte - die Redaktion beglückwünschte ihn zu dem baldigen Nachwuchs.
    Vollkommen unverfänglich hatte sie den sammelnden Kollegen darauf angesprochen.
    "Ja, seine Frau und er sind seit 4 Jahren verheiratet und - du hast da nicht von mir - es soll wohl schwierig gewesen sein mit dem Nachwuchs bei den beiden", erzählte er und so hatte sie Thomas in den ruhigeren Nachmittagsstunden in seinem Büro aufgesucht und ihn zur Rede gestellt.
    Er hatte ein bisschen mit Worten gekämpft, ihr aber dann gestanden, dass das alles stimmte. Als sie direkt gezielt hatte, ein Seitensprung zu sein, hatte er versucht das alles herauszureden. Sie hatte ihn stehen gelassen, wie jetzt auch.

    Er klopfte noch einmal.
    "Raffi, sie wusste Bescheid, sie war einverstanden", hörte sie ihn durch die Tür sagen.
    Sie riss die Tür auf. "Ach und wenn sie Bescheid weiß, ist es ok, mir Lügen aufzutischen und mich in dem Glauben zu lassen, wir führten eine normale Beziehung? Und wenn ich dann mal bei dir war, hast du schnell alle Fotos und den Ehering versteckt?", blaffte sie ihn an.
    "Ich hab eine Ferienwohnung gebucht", verteidigte er sich.
    "Ach so, für deine Affäre eine Wohnung gebucht zum..." ihre Stimme überschlug sich und sie brach ab, bei dem Gedanken an ihre romantischen Treffen wurde ihr speiübel. Hatte er seiner Frau erzählt, was sie so schönes gemacht hatten? Wusste sie Bescheid über ihre Interessen, ihr Leben, ihre Vorlieben? Sie schüttelte den Kopf und schlug ihm dir Tür erneut vor der Nase zu.

    Die nächste halbe Stunde ignorierte sie sein Klopfen und Klingeln, bis er endlich aufgab und verschwand. Als er endgültig weg war, machte die Wut in ihr einer unglaublichen Leere Platz. Die ganze Zeit hatte sie gedacht, sie würden nur Zeit brauchen, damit sich ihre Beziehung nur entwickelte, dass er Zeit brauchte, sich zu öffnen. Dabei hatte er nie vorgehabt, eine ernste Beziehung zu führen, er hatte nur ein bisschen Ablenkung oder Zerstreuung oder wasauchimmer gesucht von seiner Ehe, damit er seiner Frau endlich Nachwuchs in den Leib pflanzen konnte... Es kochte wieder in ihr hoch und die beiden Kater retteten sich auf den Schrank, als sie begann, Sofakissen durchs Wohnzimmer zu pfeffern.

    Um vier Uhr nachts hatte sie endlich alle Erinnerungen an die angebliche Beziehung aus ihrer Wohnung entfernt. Zurück blieben ihre Familienfotos, die Bilder von Herzin und Esme, Schleifen von Turnieren, Bilder von Freunden, zwei leere Weinflaschen und ein beschissenes Gefühl im Kopf. Um halb acht morgens rief sie auf der Arbeit an und meldete sich krank, dann legte sie sich hin und versuchte zu schlafen. Vier Stunden erging sie sich in Selbstmitleid, dann wurden die beiden Kater zu fordernd und wo der Schlaf eh nicht kommen wollte, konnte sie sich genau so gut um die beiden kümmern.

    Sie wurde wach mit schmerzendem Rücken auf ihrem Sofa, weil irgendwer die Türklingeln von draußen gedrückt hielt. Ihr Kopf summte in fünffacher Lautstärke mit und sie eckte in zwei Türrahmen mit viel Schwung an, ehe sie an der Tür war und den Öffner betätigen konnte. Sie hoffte nur, dass nicht wieder Thomas irgendwelche "Erklärungen" vorbeibrachte. Stattdessen kam Karin die Treppe hochgestürmt.
    "Gottseidank!", entfuhr es ihr, "ich versuche es sicher schon seit 15 Minuten! Meine Fresse, siehst du beschissen aus!"
    Langsam puzzelte sich in Raffis Kopf alles zusammen. Sie war mit Karin verabredet gewesen. Sie hatte das vollkommen vergessen und ein Blick auf die Uhr verriet, dass sie die vergangenen Stunden auf dem Sofa vor Erschöpfung verschlafen haben musste. Es war früher Abend.
    "Erst antwortest du den ganzen Tag nicht auf meine Nachrichten, dann gehst du nicht an dein Telefon, tauchst nicht am Stall auf und dann rufe ich schließlich auf deiner Arbeit an und erfahre, dass du heute krank gemeldet bist. Kannst du dir vorstellen, was ich mir für Sorgen gemacht habe nach deinen kurz angebundenen Nachrichten von gestern?"
    Sie hörte echte Sorge aus der Stimme ihrer Mentorin, doch statt auf eine Antwort zu warten, ging Karin los, brachte ihr ein Glas Wasser, eine Schmerztablette und eine Haarbürste. Während Raffi die Tablette runterspülte und ihre Haare sortierte, fütterte Karin die beiden Kater und schließlich trafen sie sich auf dem wiederhergestellten Sofa wieder. Es brauchte ein weiteres Glas Wasser, dann brach alles aus ihr heraus, gefolgt von einem lang unterdrückten Heulkrampf.
    Karin tröstete sie, reichte Taschentücher, fluchte ein bisschen und wartete, bis Raffi sich wieder gefangen hatte.
    "Das wolltest du mir alles erzählen gestern?", fragte sie dann vorsichtig, "oder geht es darum, dass du am Stall nicht glücklich bist zur Zeit?"
    Wenn es eines war, was sie an Karin schätzte, dann die Tatsache, dass sie nicht lange um den heißen Brei herumquasselte. So berichtete Raffi von ihrer Unzufriedenheit mit Vice und der Tatsache, dass sie mit Esme nicht voran kam.
    "Ich weiß, es tut mir leid, Raffi. Der neue Job am Stall nimmt mich mehr ein, als ich erwartet hatte und ich habe leider vorne und hinten nicht die Zeit, die ich dir versprochen habe", ging Karin darauf ein und nahm ihr somit den nächsten Part ab, der aus genau der Anschuldigung bestanden hätte und sich seit zwei Monaten langsam in ihr staute. Sie ließ sie auch gar nicht erst wieder zu Wort kommen.
    "Ich wünschte, es wäre anders, aber die Jugendarbeit fordert eine Menge, grade wo jetzt wieder zwei neue Auszubildende da sind und neue Reitschüler angefangen haben. Ich hab nicht mal mehr für meinen Part mit Vice genug Zeit und eigentlich tut er zu wenig und ist nicht augelastet", begann sie, "Ich weiß, du hörst das jetzt nicht gerne, aber ich fürchte, da wird sich so schnell nichts mehr dran ändern. Ich mag den neuen Job, auch wenn ich mich in Grund und Boden schäme, dich und mein eigenes Pferd dafür so zu vernachlässigen. Ich überlege schon länger, wie ich dir das erklären soll..."
    "Du meinst, wir sollten besser was das angeht erst einmal getrennte Wege gehen?", fragte sie und im Grunde war das auch ihr Gedanke. Immer wieder hatte sie überlegt, nach einem neuen Trainer zu schauen, aber die Bereiter waren zu beschäftigt gewesen, um mal mehr als nur zwei Tipps geben zu können. Mit dem Abschluss der Dress.Up-Reihe hatte sie es angehen wollen.
    "Du hast also auch schon mit dem Gedanken gespielt?", fragte Karin.
    "Ja, ständig, aber ich wollte erst mal das Dress.Up abwarten. Das ist jetzt um und wie es aussieht, kommen jetzt einige Veränderungen auf mich zu."
    "Du wirst also auch den Job wechseln?"
    "Ich wüsste nicht, was mich da halten sollte", seufzte Raffi, "Wie soll ich weiter da arbeiten, wo er doch quasi mein Chef ist? Das kann im Leben nicht gut gehen"
    "Wie wäre es, wenn du dir Urlaub nimmst? Einfach eine Woche raus aus dem ganzen. Fahr zu deinen Eltern oder nimm Esme mit und mach Strandurlaub, glaub mir so direkt nach dem Sommerferien ists für sowas die beste Zeit. Strände leer, Wetter perfekt!", begann sie, "schau dich nach einem neuen Stall und einem neuen Job um, überleg dir, was du machen willst. Du weißt, ich kann dir nur in der Reitsport-Branche helfen. Aber da kann ich alle Hebel in Bewegung setzen! Mach Pause von Turnieren und starte einen Neuanfang. Vice gebe ich an einen anderen Trainer, der ihn voran bringt, mach das also nicht von mir abhängig! Und wenn du irgendwann wieder die Motivation für Jungpferdetraining hast, meld dich und ich versetze Berge für dich, das bin ich dir schuldig!"

    Eine halbe Woche später sattelte Raffi Esme zum morgendlichen Ausritt. Es war der zweite Tag am Meer. In Sandefeld hatte Karin ihr einen kleinen Betrieb empfohlen, der Urlaub mit Pferd anbot und auch Platz hatte und so erkundete die beiden in der aufkommenden Brise die Dünenlandschaften, grüßten Spaziergänger und fetzten durch die Brandung. Zu Hause passte Karin auf Fuchur und Nero auf und hatte eine Liste mit Ställen zum Abtelefonieren rausgesucht. All das würde in ein paar Tagen kommen, wenn sie wieder zu Hause war. Dann würde sie auch die Mails mit Jobangeboten durchgehen, die ihre Suchaufträge ihr ausspuckten. Aktuell sah sie nur jeden Tag drei Mails reinflattern. Sie hatte zu Mitte September beim Journal gekündigt, schnellebige Branchen sei Dank! Thomas hatte sich an das gehalten, was sie gesagt hatte, und war weder aufgetaucht noch hatte er ihr weiter Nachrichten zukommen lassen. Sie wusste noch nicht, wo genau, es sie hintreiben würde, aber alles in gang zu setzen fühlte sich deutlich positiver an, als permanent nur mit sich und seiner Situation zu hadern.

  • Messenger-StallgruppeDatum13.12.2021 19:04
    Thema von Leila im Forum Auf dem Hof

    Huhu,
    Ich weiß nicht, ob es die Runde gemacht hat, aber Esme und ich sind wieder hier bei euch. Esme steht mit in Stall 1 zwischen Non Plus Ultra und der Sattelkammer, wenn euch da also ein netter brauner Kopf entgegen kommt, gerne Hallo sagen!

    Ich hab eine Box gemischte Schokosachen ins Reiterstübchen gestellt, bedient euch gerne!

    Ich wollte am Freitag eine Runde Glühwein ausgeben, vielleicht hat ja jemand Lust, sich abends nach dem Training einmal gut durchzuwärmen!

  • Gesuch um ObdachDatum13.11.2021 10:49
    Foren-Beitrag von Leila im Thema Gesuch um Obdach

    Huhu von einer, die auch aktuell wieder eine stille Phase hat :D

    Ich hab zwar keinerlei Entscheidungsgewalt über irgendwas, freue mich aber, wenn du motiviert bist, mitzuschreiben :) Hast du schon Pläne, wen du so hier rüber holst? Alte Ersenmünden-Charaktere?

  • Servus!Datum16.12.2020 21:20
    Foren-Beitrag von Leila im Thema Servus!

    Herzlich Willkommen in der Runde der gestrandeten Charaktere <3

  • [LIAM] Meisterlich ChaotischDatum10.10.2020 12:45
    Foren-Beitrag von Leila im Thema [LIAM] Meisterlich Chaotisch

    Oh wie schön von den beiden zu lesen :) Herzlichen Glückwunsch zum geglückten Versuch und viel Erfolg bei der weiteren Hindernissuche :D

  • [ARI] UrlaubsreifDatum19.07.2020 13:27
    Foren-Beitrag von Leila im Thema [ARI] Urlaubsreif

    Manchmal braucht es so eine Entscheidung pro Pferd und auch wenn die dann schwer fällt, ist es besser sie zu treffen. Zlatan wird schon Bescheid sagen, ob er Dauerpause mag oder eben nicht.

  • [Fee] Maels neue Freundin von LeilaDatum12.07.2020 19:48
    Blog-Kommentar

    Ganz viel Spaß und Erfolg den beiden! Manchmal ist es besser, neue Partner für Pferde zu suchen, Alena bereut bis heute auch nicht, viele ihrer Pferde verkauft zu haben, auch wenn es ihr für Kitty immer wieder leid tut, dass sie es mit vielen Besitzwechseln so schwer hatte.

  • [LIAM] Non Plus Ultra AirlinesDatum09.06.2020 13:04
    Foren-Beitrag von Leila im Thema [LIAM] Non Plus Ultra Airlines

    Man darf gespannt bleiben, was die Non Plus Ultra Airlines noch so von sich geben, aber es klingt so, als hätten sich da zwei für einen gemeinsamen Weg gefunden :)

  • [Alena] Der Zahn der ZeitDatum01.06.2020 12:23
    Blog-Artikel von Leila

    Gefühlt habe ich vorletztes Jahr mit Karisma ist Ausbildung zum E-Cross angefangen, gefühlt hat sie letztes Jahr ihr Fohlen Kitty zur Welt gebracht. Tatsächlich sind diese gefühlten 2 Jahre reale 13 Jahre und aus der 5jährige groß geratenen Fuchsstute mit dem ernsten Gesicht ist eine 18jährige geworden, die graue Haare auf der Stirn bekommt und zwar noch motiviert ist, aber keine Turniergranate mehr sein braucht.

    Karisma hat mich über die Jahre viel begleitet und darf das auch weiter tun, nur die Turnierplätze werden wir zusammen nicht mehr besuchen. Da hat sie einen Haken dran gemacht, ganz still und heimlich. Ich beobachte ihre beiden Nachkommen: Kitty in E und A und ihr jüngerer Sohn Supertyp wird doch tatsächlich aktuell untern Sattel gebracht. Ich bereue das Jahr Pause, das ich ihr am Reitstall Elwen gegeben habe kein Stück, wenn ich sehe, was für ein Prachtpferd Supertyp zu werden scheint.

    Für mich heißt das jedoch lange nicht, dass ich auch den Sport an den Nagel hänge. Ttasächlich läuft es nach Durststrecken wieder deutlich besser bei mir und zu den drei bequemen Rentnerdamen (Alma und Karisma hier und Takima schon lange als Begleitung auf einer Jungpferdewiese) gesellt sich wieder ein Jungspund:

    Tindómiel habe ich vor 7 Jahren an Jakob gegeben, der hat ihr alles beigebracht und sie 4jährig ans Nereus Riding Center gegeben und von dort kommt sie nun 10jährig zurück und ich könnte stolzer nicht sein. Ausgebildet bis Klasse M in Vielseitigkeit, international erfolgreich, gute Zuchtwertungen und zwei Titel hat sie in der Tasche und brennt jetzt nach einer Pause wieder auf Arbeit. Da passen wir aktuell gut zusammen. Wir gewöhnen uns jetzt ein bisschen wieder aneinander und dann schauen wir mal, wo es uns in Vesland so hin verschlägt!

  • [Fee] Its Babytime!Datum04.07.2019 11:23
    Foren-Beitrag von Leila im Thema [Fee] Its Babytime!

    Oh wie süß! Herzlichen Glückwunsch zu dem Fohlen und der reibungslosen Geburt :)

    Der Bericht liest sich schön flüssig, kann man sich richtig gut vorstellen, wie Fee durch den Stall streift und ihre Stuten betüddelt :)

  • Ein neues Gesicht! von LeilaDatum20.06.2019 11:30
    Blog-Kommentar

    Viel Spaß euch beiden bei der Arbeit! Ihr wisst ja, ihr seid im Stübchen immer willkommen!

  • 2. Zahrpiker MannschaftsspringenDatum24.02.2019 17:42
    Foren-Beitrag von Leila im Thema 2. Zahrpiker Mannschaftsspringen

    Ach Quatsch, jeder hat mal nen schlechten Tag, hast du die von Elwen gesehen, die Fuchsstute, die fröhlich zwie Hindernisse platt gemacht hat mit ihren Vollbremsungen? :D

  • 2. Zahrpiker MannschaftsspringenDatum24.02.2019 10:59
    Foren-Beitrag von Leila im Thema 2. Zahrpiker Mannschaftsspringen

    Platz 5 und 6 schaut doch gar nicht so verkehrt aus :)

  • 2. Zahrpiker MannschaftsspringenDatum23.02.2019 20:29
    Foren-Beitrag von Leila im Thema 2. Zahrpiker Mannschaftsspringen

    Ohne mir alles selbst rauszusuchen hätte ich morgen nicht mit der Auswertung angefangen :D Aber danke dafür :)

  • 2. Zahrpiker MannschaftsspringenDatum11.02.2019 17:47
    Foren-Beitrag von Leila im Thema 2. Zahrpiker Mannschaftsspringen

    ich kanns wohl machen, ist ja mein Turnier :D Ich brauch nur vollständige Pferde- und Reiternamen

  • 2. Zahrpiker MannschaftsspringenDatum08.02.2019 08:23
    Foren-Beitrag von Leila im Thema 2. Zahrpiker Mannschaftsspringen

    gerne :)

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