#1

[ARI] Urlaubsreif

in Leonie 18.07.2020 18:13
von Leonie • 146 Beiträge | 236 Punkte

Ein Empfang aus Stimmengewirr, ausgelassenen Gesprächen und hie und da freudigem Gelächter bot sich der Reiterin, als sie das Viereck verließ und all die äußerlichen Eindrücke plötzlich wieder auf sie hereinprasselten, die zuvor für die Dauer des Rittes ausgeblendet waren. Ariadna strich sich eine verirrte Haarsträhne ihrer widerspenstigen dunklen Wellen aus dem Gesicht und lenkte den massigen Rappen unter ihr geschickt mit einer Hand durch die Menschenmassen - die ihr immer noch groß vorkamen, obwohl sie wusste, dass die Working-Szene eine gemütliche, familiäre war. Manche grüßten sie freundlich und sie erwiderte den Gruß geistesabwesend, manche warfen ihr ein paar aufmunternde Worte zu, doch die vermochten sie kaum zu erreichen.

Ariadna ging noch einmal den gerade beendeten Ritt durch und seufzte leise. Es war der dritte Durchlauf gewesen und wo sie vorher noch gehofft hatte, etwas an der Gesamtplatzierung reißen zu können, so hatten sich diese Wünsche gnadenlos zerschlagen. Sie strich mit einer Hand über den massiven Mähnenkamm des Wallachs und weigerte sich, ihm auch nur einen Teil der Schuld an dem nun ziemlich sicheren Platz am Ende der Rangliste in der Gesamtwertung zu geben. Zrescencio, ihr wunderschöner, treuer Zrescencio.


"Hey! Entschuldige, ich hab dich eben gar nicht erwischt", tönte es über das monotone Stallklima hinweg und Ariadna schrak kurz hoch, unterbrach das Absatteln ihres Rappen.
"Ah, Liam, hi", sie schenkte ihm ein Lächeln, das ihre Augen jedoch nicht erreichen konnte, während sich ihr Stallkollege und mittlerweile enger Freund an die Box ihres zweiten Pferdes lehnte. Icosaedro, ihr Schimmelhengst, streckte Liam neugierig die Nase entgegen und genoss die Zuwendung, die er immer von ihm bekam, wenn Liam ihm einen Besuch abstattete.
"Ich brauch nicht fragen, glaub ich", murmelte Liam vorsichtig und blickte mitfühlend in ihre Richtung. "Aber: wie gehts dir?"
Ariadna zögerte einen Moment und erwiderte den ehrlichen Blick ihres Freundes, der so offensichtlich mit ihr litt. Sie zuckte mit den Schultern und legte den schweren Vaquero-Sattel auf die Halterung.
"Ich weiß nicht, aber ich fürchte, ich muss mich mit der Vorstellung anfreunden, der höchsten Klasse erst einmal Adieu zu sagen", antwortete sie schließlich und griff nach einer Bürste, um das vom Schweiß gezeichnete Fell des Rappwallachs zu bearbeiten.
"Rente für den Großen?", hakte Liam nach, mit Vorsicht in der Stimme.
Ein erneutes Schulterzucken Ariadnas war fürs Erste die einzige Antwort die er bekam und er forschte nicht weiter nach. Das war ein schwieriges Thema für jeden Reiter, da brauchte es nicht noch Druck von außen.
"Ich weiß einfach nicht, ob das aktuell viel Sinn macht. Zlatan liebt die Arbeit, aber in letzter Zeit fällt es mir immer schwerer, unsere guten Leistungen herauszukitzeln. Vielleicht möchte er wirklich langsam nicht mehr arbeiten müssen, sondern das Leben genießen? Ich weiß es nicht", überlegte Ari laut und hielt in der Bewegung mit ihrer Bürste inne, als Zlatans großer Kopf sich ihr zuwandte und fast die Länge ihres Oberkörpers abdeckte, als er sich vorsichtig gegen sie lehnte. Ihre Finger spielten mit dem langen Schopf des Wallachs, der dank der eben erst gelösten Flechtung ganz lockig war.
"Ico ist definitiv noch nicht so weit, auch wenn wir langsam die einhändige Rinderarbeit besser hinbekommen. Aber für die Alta in der DV reicht das noch nicht, er ist einfach zu jung. Mephisto ist das geborene WE-Pferd, den prügel ich sicher nicht in die DV, nur weil mir dann da ein Pferd fehlt. Vielleicht brauchen wir alle eine Pause."
"Pause ist ein gutes Stichwort. Bist du durch für heute?", fragte Liam, fest entschlossen, seine Freundin auf andere Gedanken zu bringen.
"Ja, zur Siegerehrung muss ich sicher nicht auftauchen", entfuhr es Ariadna spöttisch lachend, mit einem Hauch von Bitternis.
"Dann auf, wir schnappen uns jetzt deine Jungs und gehen ein bisschen spazieren. Zlatan ist sicher froh, ein Nickerchen einlegen zu können."
Dankbär lächelte Ari in Richtung Liams und drückte seinen Arm kurz. "Das ist ein Wort."

Als die Huftritte der Pferde nicht mehr glockenhell klangen, sondern dem dumpfen Knirschen des Feldweges wichen, begann Ariadna ein wenig zu entspannen. So schön die kleine, familiäre Szene bei Working Equitation Turnieren war, so sehr konnte es belasten, wenn die Leistungen nicht stimmten. Alle meinten es gut, warfen hier mal einen lieben Kommentar, dort einen nettgemeinten Tipp hinterher, doch in der Masse konnte das Ari gern überfordern. Ein leiser Seufzer entwich ihr, als sie merkte, wie sich ihre angespannten Schultern zu senken begannen und sie sich einfach völlig in der Geräuschkulisse aus Huftritten, ihren eigenen und Liams Schritten verlieren konnte. Sie blickte neben sich, wo Liam ihren Schimmel führte und stets eine Hand am Mähnenkamm des Hengstes ruhen ließ, weil er wusste, dass es die liebste Stelle zum Kraulen war, die man bei Icosaedro finden konnte. Sie schmunzelte leicht, war doch dieser hochgewachsene, mit "fesch" nur ansatzweise umschriebene Reiter, perfekt für ein Cover einer großen Verbandszeitung - jedoch immer noch ein kurioser Anblick mit ihrem konvexen Lusitanokopf von Ico.

"Was?", grinste Liam. "Lachst du mich aus?"
Ariadna lachte unfreiweillig und grinste zurück. Bevor sie etwas erwidern konnte, setzte Liam noch kurz nach.
"Ah, da ist sie ja wieder. Ich dachte schon, ich müsste dich nachher noch kitzeln, um dich lachen zu hören. So gefällst du mir viel besser", lächelte er und Ariadna kam nicht umhin, die Worte zu schätzen, die von anderen, ihr weniger bekannten Männern, wohl definitiv einen Nachgeschmack hinterlassen hätten. Doch Liam meinte es genau so, wie er es sagte und nicht zuletzt deswegen war aus der geteilten Stallgasse irgendwann eine handfeste Freundschaft entstanden.
"Ich hab nur gerade darüber nachgedacht, dass du mit einem Lusitano auch ein tolles Bild abgibst und nicht nur auf ein Cover von einem hochglanz-Eventing-Magazin passen würdest."
Liam blickte stirnrunzelnd in ihre Richtung und lachte. "Was?" Er schüttelte den Kopf. "Was in deinem Kopf manchmal abgeht, unfassbar."
Ari schmunzelte. Liams Eigenwahrnehmung war manchmal dermaßen daneben, dass sie fast an ihre eigene grenzte. Durch seinen Job als Sportreporter hatte er meist mit den Schönen und Reichen der Sportwelt zu tun und sah sich selbst eher als grauen Mäuserich. Das konnte er in der Welt der Normalos jedenfalls nicht von sich behaupten und gerade, dass ihm das nicht bewusst schien, machte ihn gleich dreimal attraktiver.
"Ach, ist schon gut, Posterboy", stichelte Ari schließlich und kehrte mit ihren Gedanken wieder in die Gegenwart zurück, in der Mephisto gerade einen Löwenzahnsprössling entdeckte, der unbedingt verspeist werden musste.

Liam und Ari gingen eine Weile schweigend nebeneinander her und beschäftigten sich nur mit ihren Gedanken und den beiden Pferden, die sie führten. Ari hatte mit dem jungen Hengst Mephistopheles zwischenzeitlich etwas mehr zu tun, als Liam mit Icosaedro, der einfach nur glücklich war, sobald es hinaus in die Welt ging. Bei Ico hätte Ari irgendwann keinerlei Skrupel ihn in die Rente zu schicken, wo sie doch wusste, wie glücklich der Hengst allein schon war, wenn sie stundenlang mit ihm durch die Wälder und Landschaften stromerte. Zlatan hingegen war ein Arbeitspferd durch und durch, der brauchte die Arbeit, um glücklich zu sein - und doch machte die Arbeit offenbar genau das in letzter Zeit nicht mehr.
Liam schien zu spüren, dass Aris Gedanken wieder zur jüngsten Vergangenheit und nahen Zukunft mit ihrem Star-Pferd gekreist waren, warf er seiner Freundin doch einen forschenden Blick zu und deutete dann auf eine Stelle abseits des Weges auf einer Wiese, die ein dicker Felsblock zierte.
"Wollen wir uns setzen und die Jungs ein bisschen grasen lassen?", fragte er lächelnd. Ari nickte und die beiden positionierten sich auf dem Felsen, während Mephisto und Icosaedro kurz klärten, wer denn jetzt gerade Vorrang auf die Löwenzahnpflanzen hatte. Mephisto giftete, gab sich aber schließlich geschlagen und graste friedlich neben seinem Patron Icosaedro. Ari blickte ein wenig gedankenverloren auf die unter ihnen liegende und vor Aktivität wuselnde Hofanlage der Winters.

"Ich weiß einfach nicht genau, was ich machen soll. Auf der einen Seite scheint es so nicht zu laufen, wie es aktuell ist. Die Platzierungen sind fürchterlich, in der DV jedenfalls. Ich weiß aber nicht, woran es liegt. Ob Zlatan einfach nur eine Pause braucht? Ist er reif für die Rente? Will er einfach nicht mehr? Kann er Rente überhaupt?"
Liam nickte und hörte Ari aufmerksam zu. "Ich kann mir tatsächlich andere Pferde auch eher in Rente vorstellen, als Zlatan."
"Er ist ja auch topfit. Da ist kein Haar nicht da wo es sein sollte, die Knochen sind super, die Muskeln wunderbar und Bänder und Sehnen sind alle in Schuss. Es muss also eher eine Kopfsache sein", überlegte Ari weiter laut und stützt ihr Kinn auf eines ihrer herangezogenen Knie.
"Ich glaub, ich teste das", schloss sie plötzlich laut.
"Was?", Liam blickte irritiert zu Ari und entwirrte die beiden Führstricke der Hengste, die mittlerweile ihre Plätze getauscht hatten.
"Rente", erwiderte Ari. "Ich mach diesen Monat noch normal und im August hat der Dicke Pause. Nur spaßige Sachen, keine wirkliche Arbeit. Viel raus, schwimmen, all sowas, aber kein einziges Turnier. Und dann sehen wir weiter. Wenn ihm das gut bekommt, dann ist das doch super."
"Und dann keine Alta mehr?", sprach Liam das offensichtliche an, das schwer im Raum hing.
Ari zuckte mit den Schultern. "Klar, würde mir das fehlen. Aber Ico ist nicht so weit und mit Mephisto hab ich gerade erst ein neues Pferd gekauft."
"Naja, gekauft. Und neu, sind ja auch alles relativ", grinste Liam.
"Ja okay, fair, der Bub war schon länger da und der Kauf war nachher nur noch Formalie, aber trotzdem. Vier Pferde? Oh gott, ich glaub meine Mitarbeiter töten mich."
Liam lachte. "Irgendwann wirst du doch noch Vollzeitreiter."
"Ja, genau wie du."

"Heey", schüchtern schaute Ariadna über die Boxentür des Schimmelhengstes, der sogleich seine Aufmerksamkeit zu ihr wandte. "Entschuldige, ich hab euch noch gar nicht zum Sieg gratuliert. Macht sich gut, dein Kleiner?"
Der "Kleine" untersuchte mit seinen Samtlippen vorsichtig die Handflächen Ariadnas und spielte daran herum, während sein Besitzer mit einer Bürste über das geäpfelte Fell strich.
"Hey du", lächelte Enéas ihr zu und hielt kurz in seiner Bewegung inne. "Danke, ja, er macht sich ganz ordentlich." Wie zur Bestätigung lobte er den jungen Hengst, der tatsächlich einmal ganz still stand und nicht dauernd herumzappelte. "Alles gut bei dir?"
Ariadna zuckte mit den Schultern, nickte aber. "Ich war eben eine Weile mit Liam und meinen beiden Jungs draußen, ich glaub jetzt, dass ich Zlatan eine Pause geben muss."
Enéas stoppte in seinen Bürstenstrichen und lehnte eine Hand sanft auf den Rücken des Apfelschimmels, der die zusätzliche Aufmerksamkeit sichtlich genoss. Er überlegte kurz und nickte dann kaum merklich.
"Ja, vielleicht bringt ihn das zurück auf Kurs", erwiderte er schließlich.
"Und wenn nicht, dann ..."
"Dann ist das halt so", schnitt Ari ihrem Trainer und langjährigen Begleiter das Wort ab. "Dann gehen wir in den Wald und machen all das, was ihm Spaß macht. Wenn das ist, auf der Weide zu stehen und rund zu werden, auch gut."
Enéas Lächeln lag voller Wärme. "Wenn doch nur alle so auf ihre Pferde hören würden, wie du, preciosa."
Ari lachte, vor allem über den Kosenamen. "Ach, ich weiß nicht. Freu dich nicht zu früh, ich geh dir dann sicherlich tierisch auf die Nerven und jammere rum."
"Ich glaub nicht, sonst schick ich dir so viele Pferde zum Beritt, dass du keine Zeit zum Jammern hast", konterte Enéas die Drohung grinsend.
"Und selbst wenn, du weißt, dass du immer einen von unseren übernehmen kannst für die Zeit, ja? Wenn Zlatan tatsächlich nicht mehr will und du weiter in die Alta willst, dann machen wir das möglich, das weißt du?"
Ari spürte, wie Tränen ihre Sicht zu trüben drohten und blickte zu ihrem Trainer, der nun auf sie zukam und sie fest in den Arm nahm. Für einen Moment hielt er sie einfach nur und Ari hatte das Gefühl, dass egal, wie die kommenden Wochen laufen würden, alles irgendwie seinen Weg gehen würde. Und wenn es der zum Ausreitgelände mit Zlatan wäre, statt zu den Turnieren und Campos.
"Danke, Enéas. Für alles."

Ariadna wuchtete den letzten der drei Vaquerosättel auf den Halter und strich sich eine vom Schweiß gezeichnete Strähne aus den Augen. Mit flinken Fingern und einem aus der Putzkiste stibitzten Mähnengummi bändigte die Dunkelhaarige ihre Wellen zu einem unordentlichen Dutt, bevor sie das letzte Mal für heute den Weg zum Transporter zurücklegte, um ihn endgültig abzuschließen. Die Muskeln in den Armen und Schultern schmerzten merklich, als sie endlich damit durch war, alles zu reinigen und zu entladen, den Schlüssel final umdrehte und noch einmal testete, ob das Schloss auch wirklich griff. Normalerweise halfen Liam und sie sich gegenseitig, doch ihr Stallkamerad war noch zum Training bei den Winters geblieben und würde morgen erst den Heimweg antreten. Ein wenig bedauerte Ari das, wäre ihr doch durchaus nach einem Vino im Stübchen gewesen, um die trüben Gedanken des Tages endgültig zu vertreiben. So griff sie die Wasserflasche, die in der Fahrerkabine des Transporters gelegen hatte und über den Tag eine unangenehme Temperatur angenommen hatte, und machte sich auf den Weg zu den Hofweiden.

Schon von weitem hörte man das Quietschen eines ausgelassen spielenden Pferdes und nur dieses kleine Geräusch zauberte Ari ein Schmunzeln auf die Lippen. Sie lehnte sich an den Holzzaun, der die Weide umgab und jegliche Dummheiten direkt mal unterbinden sollte. Vor ihr tobten Icosaedro und Mephisto ausgelassen, so wie sie es erwartet hatte, doch auch Zlatan, der sonst lieber abseits stand und die beiden Jungspunde mit in der Mähne vergrabenen Ohren drohend auf Abstand hält, mischte ordentlich mit. Gerade scheuchte er den jungen Palominohengst Mephisto eifrig über die gesamte Länge der Weide vor sich her, ohne dem Jüngeren eine Chance zum durchatmen zu geben. Ari schmunzelte, so würde ihr hyperaktiver Jungspund wenigstens gut schlafen. Icosaedro trat nun an die Stelle Zlatans und der Rappe hielt inne in seinem Spiel, als er seine Besitzerin am Zaun bemerkte. Ein leises Brummeln und schon setzte er sich in Bewegung und überließ die beiden jüngeren Hengste ihrem Spiel, um seinem Zweibeiner Hallo zu sagen.

"Hallo mein Schöner", murmelte Ari leise und lehnte sich an den großen, dunklen Kopf des Wallachs. Ihre Finger wanderten an die Stelle hinter den Ohren, die Zlatan besonders gern hatte und bei der er eigentlich immer innehielt, um sich dort kraulen zu lassen. "Hm, was meinst du? Möchtest du mal Ferien haben und dich nur mit den Jungspunden befassen?" Der Rappe änderte den Winkel seiner Haltung und zeigte so seine zitternde Lippe, die Ariadna verriet, dass sie die richtige Stelle mit ihren Fingern bearbeitete. "Ich glaub, das tut uns ganz gut, Dicker. Machen wir eine Pause. Und wenn die ganz lange sein soll, das ist das auch okay."

Und irgendwie wusste Ari in diesem Moment, dass sie sich das nicht nur einredete. Es würde alles gut werden, auf die eine - oder andere Weise.


zuletzt bearbeitet 06.10.2020 11:45 | nach oben springen

#2

RE: [ARI] Urlaubsreif

in Leonie 19.07.2020 13:27
von Leila • 101 Beiträge | 173 Punkte

Manchmal braucht es so eine Entscheidung pro Pferd und auch wenn die dann schwer fällt, ist es besser sie zu treffen. Zlatan wird schon Bescheid sagen, ob er Dauerpause mag oder eben nicht.

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